Zu Besuch bei unseren Nachbarn

„Ich glaube, dass Gott auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet“. – so lautet eine der vielen schönen Zeilen aus dem sogenannten Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer, der von den nationalsozialistischen Gewaltherrschern umgebracht wurde.

Im Gespräch mit Wanda Falk, Klaus-Dieter Kottnik
Im Gespräch mit Wanda Falk, Klaus-Dieter Kottnik

Einen Tag nach dem siebzigsten Jahrestag der Befreiung der Überlebenden im Vernichtungslager Ausschwitz durch russische Soldaten habe ich die Evangelische Kirche und die Diakonie in Polen besucht.

Neben der großen Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner haben mich besonders das große soziale Engagement und das diakonische Profil dieser kleinen Kirche beeindruckt. Mit nur 75.000 Mitgliedern bei einer Gesamtbevölkerung Polens von 38,5 Millionen Menschen ist die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen eine echte Minderheitenkirche. Das hält sie aber nicht davon ab, in fast jeder Gemeinde eine Diakoniestation zu unterhalten, aus denen Ehrenamtliche medizinisches Gerät und Pflegehilfsmittel zu den zum Teil sehr armen alten und pflegebedürftigen Menschen bringen.

Die Diözesen unterhalten Einrichtungen der stationären Altenpflege, Schulen, Einrichtungen für behinderte Menschen sowie unterschiedliche Beratungsstellen u.a. für Opfer familiärer Gewalt sowie für die rund 150.000 polnischen Frauen, die in deutschen Haushalten als Pflegende oder Haushaltshilfen beschäftigt werden.

Die Pfarrer der Gemeinden berichteten in unseren Gesprächen in Warschau und Wrocław (dem früheren Breslau), dass die Verantwortlichen in den Gemeinden in einem weitgehenden katholisch geprägten Umfeld ihre Mitmenschen auch durch „verantwortliche Taten“ und überzeugende (und dringend notwendige) soziale Impulse unterstützen und überzeugen wollen. Nicht nur im strukturschwachen und ländlichen Raum sind die ev.-luth. Gemeinden darum auch anerkannte und wichtige Verbündete der Kommune bei der Gestaltung einer notwendigen sozialen Infrastruktur. Die Verantwortlichen in diesen oft sehr kleinen Gemeinden lassen sich nicht nur nicht entmutigen, sie ermutigen und bestärken ihre Mitmenschen bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten und Notlagen. So gewinnen sie Anerkennung und Ausstrahlung weit über ihre Gemeindegrenzen hinaus.

Ich bin überzeugt: Bei unseren Überlegungen zur Zukunft unserer Kirchengemeinden angesichts kleiner werdender Mitgliederzahlen und einer verbreiteten Angst vor Bedeutungsverlust können wir viel von unseren Geschwistern in Polen lernen.

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