Alle Jahre wieder: Kinderweihnacht

Alle Jahre wieder im Dezember, wenn in unseren Breiten die Nächte länger und kälter werden, verdichtet sich bei vielen Menschen, ob gläubig oder nicht, eine Sehnsucht nach Licht, Wärme und Geborgenheit und nach einem Raum, in dem Verletzliches und Zartes unversehrt bleiben. „Alle Jahre wieder: Kinderweihnacht“ weiterlesen

Der Trost der Kerzen

Die Adventszeit ist Corona-resistent. Darauf vertraue ich. Verlässlich speist das Kirchenjahr einen anderen Ton und ein anderes Licht in die Zeit – ganz unabhängig davon, was die Gegenwart im Gepäck hat. Und besonders in der Vorweihnachtszeit leuchtet dieses andere Licht auch im Alltag unserer säkularisierten und gleichzeitig so vielfältig religiösen Gesellschaft umso heller auf.

Symbolbild für Advent
Der Trost der Kerzen: Licht am Wichernkranz der Diakonie Deutschland auf der Plenarsaalebene des Bundestages. Foto: Diakonie/Stephan Röger

Gute Nachrichten

Gott will im Dunkeln wohnen. Davon könnten auch die vielen Lichter in Innenstädten und Wohnzimmern erzählen. Wer es leuchten lässt, verweigert sich den länger werdenden Nächten, bringt Licht in unsere Dunkelheiten. Es gibt diesen Trost der Kerzen, einen Trost dieses anderen Lichtes. Und es ist jedem Menschen möglich, dieses Licht zu erleben und erlebbar zu machen. Die Adventszeit bietet da viele Möglichkeiten. Das ist eine sehr gute Nachricht.

Am vergangenen Mittwoch habe ich, wie in jedem Jahr, eine Erinnerung an dieses Licht an Petra Pau, die Vize-Präsidentin des Bundestags, übergeben: den Wichern-Kranz der Diakonie. In diesem Jahr trägt er 27 Lichter – vom 1. Advent bis zum Heiligenabend.

Advent im Bundestag

Coronabedingt fand unsere Übergabe auch in diesem Jahr nicht in großer Runde, sondern nur im kleinsten Kreis statt. Es war schlicht. Kein Kinderchor hat gesungen und für warmherzige Gefühle gesorgt. Aber der Kranz ist doch angekommen und wurde ausdrücklich willkommen geheißen.

Ein Licht entzünden: Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und  Diakoniepräsdient Ulrich Lilie bei der Übergabe des Wichernkranzes im Bundestag. Foto: Diakonie/Stephan Röger

Auf der Plenarsaalebene des Reichstagsgebäudes wird er in den kommenden Wochen als stilles Symbol wirken. Im parlamentarischen Alltag, quasi “vom Rand her”, verweist er unaufdringlich auf eine andere Wirklichkeit. Gott will im Dunkeln wohnen. Auch den Menschen, die politisch in der Verantwortung stehen und so oft nicht genügen können, gilt der Trost des Lichtes.

Zeit des Neuanfangs

In der christlichen Tradition ist die Adventszeit eine Zeit des Neuanfangs, des Umdenken-Lernens. Das griechische Wort dafür heißt “Metanoia” und meint: sich von etwas bewegen zu lassen, mit etwas zu rechnen, das zum Neuanfang und zur Umkehr befähigt.

Das ist der tiefere Sinn der Besinnlichkeit, die viele mit dem Advent verbinden. Besinnung führt nach innen. Fragen können sein: Was hindert mich daran, neu anzufangen? Was brauche ich, um mich verabschieden zu können? Denn Neuanfänge setzen ja Abschiede voraus. Und Abschiede können sehr schmerzhaft sein.

Uns allen wird aktuell eine Vielzahl von Abschieden zugemutet. Wir müssen Gewohnheiten hinter uns lassen, Gewissheiten – und viel zu viele geliebte Menschen. Die Trauer um nun über 100.000 Corona-Tote allein in Deutschland: Wie viel Leid wohnt derzeit unter deutschen Dächern, wie viel Verunsicherung und Angst.

Notwendige Abschiede

Dazu kommen nahezu täglich neue Anforderungen: Ständig müssen wir dazu lernen, vermeintlich sicher Gewusstes verlernen und schon wieder neu lernen. Ob als Bürger:innen, als Verantwortungsträger:innen in Politik und Wirtschaft, in Kultur, Kirche, Krankenhaus, Schule oder wo auch immer. Vieles in unserer Welt ist in Bewegung.

Einige Hellsichtige sagen, es gehe in unserer Zeit sehr grundsätzlich um notwendige Abschiede. Es gäbe mancherlei, womit wir aufhören müssten. Die westlichen Gesellschaften suchen nach einer neuen Erzählung für eine freie und gerechte, solidarische und nachhaltige Gesellschaft der Vielfältigen in einer weltweiten Klimakrise.

Ur-Erzählung vom Neuanfang

Christen entzünden in mitten von all dem die Kerzen des Adventskranzes. Übermorgen die zweite große Kerze. Und dieses “Immer- wieder-Lichter-Entzünden” im Advent erinnert uns mit verlässlicher Regelmäßigkeit, alle Jahre wieder, an die Geburt eines Kindes in einem zugigen Verschlag in einem scheinbar gottvergessenen Allerweltswinkel der Weltgeschichte.

Es ist eine der christlichen Ur-Erzählungen vom Neuanfang: Die Geburt des menschgewordenen Gottes genau dort, am Rande der Welt, setzt einen leicht zu übersehenden, sehr verletzlichen, aber überaus wirksamem Neuanfang. Ein Mensch erblickt das Licht der Welt, der andere Menschen ins rechte Licht rückt, die sonst eher ungesehen oder unerhört bleiben.

Diese herausfordernde Aufmerksamkeit für die Ungesehenen und Unerhörten wird das Erwachsenenleben dieses neugeborenen Kindes prägen. “Licht der Welt”, wird man Jesus Christus darum später nennen. Er lehrt uns eine neue Sicht: Rechnet nicht mit Wundern im Rampenlicht. Wunder geschehen – “still und unerkannt” – an und von den Rändern her.

Wunder vom Rand

“Vom Rand her” improvisierte auch das Team um Johann Hinrich Wichern 1839 den Ur-Adventskranz. Aus einem ausrangierten Wagenrad, mit Tannengrün und Kerzen. Jeden Tag sollte es etwas heller werden für die Straßenkinder, die im Rauhen Haus zu Hamburg eine Heimat gefunden hatten.

Sie verschwendeten, so kann man es auch sehen, teure Leuchtmittel für eine symbolische Handlung an einem Ort, wo niemand sonst es sehen kann. Gott will im Dunkeln wohnen.

Diakonie Deutschland hat sich von Wicherns Kerzen inspirieren lassen: In diesem Jahr gibt es auf Instagram und Facebook einen Wichernkranz-Adventskalender, der sich aus Selfies aus dem großen Team Diakonie zusammensetzt:

Wichernkranz-Adventskalender

Ehrenamtliche und Hauptamtliche entzünden ihre Kerze. Jeden Tag ein Licht, irgendwo in Deutschland: vom Vorstand bis zur Servicekraft, von der Herdenmanagerin bis zum IT-Spezialisten, bei der Telefonseelsorge und der Bahnhofsmission, im Krankenhaus und in Beratungsstellen, bei Flut- und Kältehilfe, im Hospiz, in der Jugendhilfe und im inklusiven Socialmediateam.

Unterschiedliche Gesichter und Menschen, unterschiedliche Talente und Professionalitäten. Kleinere und größere Lichter, die an ihrem Platz “leuchten”, und jeden Tag und jede Nacht daran mitwirken, dass es heller wird in unserem Land. Eine Lichterkette der Aufmerksamkeit für andere, ein leuchtendes Netz der Menschenfreundlichkeit, an dem alle mitknüpfen können, an dem wir uns freuen dürfen. Auch in diesem zweiten anstrengenden Corona-Winter.

Segen und Licht

Aber: Die Adventszeit ist Corona-resistent. Gott will im Dunkeln wohnen. Nur eine Kerze anzuzünden, kann mitunter helfen, sich daran erinnern zu lassen. Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Adventszeit und Menschen, die Sie ins Licht setzen.

Trotzdem Pfingsten!

“Trotzdem” ist ein Lieblingswort des Heiligen Geistes. Ähnlich wie “Geht nicht, gibt’s nicht”, um den Werbeslogan eines Heimwerkermarkts zu zitieren. Und deshalb ist Pfingsten – dieses am wenigsten kommerzialisierte Hochfest der Kirchen – vielleicht ein guter Anlass, um sich ein bisschen fröhlichen Trotz anzueignen. Der “Spirit der Liebe”, der weht, wo er will, bringt eine Brise heiter-verwegener Kühnheit. „Trotzdem Pfingsten!“ weiterlesen

Wann endet die Nacht?

Heute jährt sich der rassistische Anschlag von Hanau, und ich denke an eine Weisheitsgeschichte des chassidischen Judentums: „Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?“, fragte einmal ein Rabbi seine Schüler. „Wann endet die Nacht?“ weiterlesen

Vom Finden des Lichts

“Where can we find light in this never ending shade?” – “Wo finden wir Licht in dieser unendlichen Finsternis?” Die Frage, mit der der eigentliche Star bei der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten, die 22-jährige Amanda Gorman, ihre flammende Rezitation begann, hallt nach. Und natürlich wäre es keine angemessene Antwort auf diese Frage, schlicht eine Kerze anzuzünden und in ein Fenster zu stellen. Oder vielleicht doch? „Vom Finden des Lichts“ weiterlesen

Trotzdem: Fröhlich!

“Fröhlich soll mein Herze springen” ist ein eher unbekanntes Weihnachtslied. Kirchen-Insider mögen hier widersprechen. Aber machen wir uns nichts vor: Gegen “Stille Nacht”, “O, Tannenbaum” oder “I‘m dreaming of a white Christmas” kommt der Paul Gerhardt/Johann Crüger-Klassiker aus dem 17. Jahrhundert nicht wirklich an.

Und in diesem Jahr wirken die alten Worte zudem für viele fast unpassend euphorisch. Fröhlich soll mein Herze springen? Ich denke da an ein hüpfendes Kind. – Wir von Diakonie Deutschland haben unseren diesjährigen Weihnachtsgruß trotzdem von diesem Lied inspirieren lassen. „Trotzdem: Fröhlich!“ weiterlesen

“Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten”

Am Mittwoch dieser Woche hatte ich einen meiner Lieblingstermine im Jahreslauf: Seit 2008 überreichen wir jedes Jahr dem Deutschen Bundestag einen original Wichern’schen Adventskranz. Dieses Mal stammt der unübersehbar große Kranz aus der Gärtnerei der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal: zwei Meter im Durchmesser und ganz schön schwer zu tragen. Johann Hinrich Wichern ist der Ahnvater der “Inneren Mission”, unserer heutigen Diakonie, und der Erfinder des Adventskranzes. Seit 1839 schmücken den Wichernkranz bis zu 26 Kerzen: in der Regel 20 rote für die Werktage und vier weiße für die Sonntage. „“Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten”“ weiterlesen

Das gefühlte Corona

Vielleicht können Sie den Satz, “Krisen sind Chancen”, mittlerweile auch nicht mehr hören. Mir geht es bisweilen so – mitten im Herbst-Lockdown, von dem noch keiner weiß, ob er eine neue Atempause bringt. Der emotionale Cocktail, an dem wir alle seit Monaten zu schlucken haben und den wir gesellschaftlich verkraften müssen, hat es in sich: Wut, Trauer, Angst, Unverständnis, Hoffnung, dazu sicher eine Prise Resignation. Mit Kalendersprüchen und einfachen Weisheiten ist meiner Gefühlwelt jedenfalls nicht mehr geholfen, während die zweite Corona-Infektionswelle mit Wucht über uns hereinbricht. Wie die meisten bin ich hin und her gerissen zwischen der Sorge um meine Liebsten, Gedanken an Freund*innen, die es gerade schwer haben und der Hoffnung auf einen Impfstoff, mit dem die Pandemie irgendwann ein Ende finden könnte. Corona befällt nicht nur unsere Körper, sondern droht auch unsere Seelen ernsthaft zu verletzen.

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Von der Freiheit eines Christenmenschen, der Zukunft der Kirche und ihrer Diakonie

Genau 500 Jahre nach den großen drei reformatorischen Schriften Martin Luthers, deren berühmteste den Titel “Von der Freiheit eines Christenmenschen” trägt, ist es still geworden. Nicht nur, weil die Sonne an meinem Zehlendorfer Schreibtisch nun schon um 16.47 Uhr untergeht, nicht nur, weil das in rauen Mengen gefallene Laub die Geräusche dämmt, sondern vor allem, weil nach all dem Freiheits-Pathos der sogenannten “Nuller-Jahre” und der Feierlaune des Reformationsjubiläums 2017 nun eine eigenwillige Ernüchterung, zuweilen auch Ermüdung eingetreten ist.
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Die Perspektive von Pfingsten

Pfingsten ist das “Geisterfest” unter den kirchlichen Hochfesten. Es findet weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Es gibt keine Tauben aus Schokolade, die schon seit Wochen in den Supermärkten locken, kein Geist in Flaschen, niemand backt Pfingstkuchen oder schickt inspirierte Grüße an die Verwandtschaft.

Anders als Weihnachten oder Ostern entzieht Pfingsten sich der Kommerzialisierung und damit hat es in unserer kirchenfernen Marktgesellschaft einfach schlechte Karten. Schade eigentlich. Denn gerade Pfingsten könnte das Fest einer pluralistischen und doch solidarischen Gesellschaft sein: „Die Perspektive von Pfingsten“ weiterlesen