Reisen bildet

Ein rechteckiger oranger Zettel fällt mir seit Montag immer wieder ins Auge. Er steckt mit anderen Unterlagen in einer der zahlreichen Klarsichthüllen auf meinen Schreibtisch. Nur zwei Worte stehen darauf: „Orientierung stiften“. Es ist nicht meine Handschrift, sondern die eines Kollegen von Brot für die Welt.

Wir haben in einer Kleingruppe miteinander diskutiert. Über das, was wir beide in unserer Arbeit tun möchten: Orientierung stiften. Aber was heißt das eigentlich 2016 für eine soziale Institution der Kirche in einer komplexer werdenden Gesellschaft? – Wir wissen es noch nicht.

In dieser Woche haben wir im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung eine Reise begonnen. Wir, das sind alle Frauen und Männer, die Verantwortung für Arbeitsbereiche und Personal haben. Also, die sogenannten Führungskräfte, rund 65 Personen. Am Ende dieser gemeinsamen Reise wollen wir uns verständigt haben, wie wir zusammen führen und orientieren wollen: Wie setzen wir unser bereits zusammen formuliertes Führungsleitbild mit seinen drei Teilen “Sich selbst führen, die Mitarbeitenden führen und das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung werteorientiert führen” nun zeitgemäß und mitarbeitendenorientiert um?

Vergangenen Montag war das sogenannte „Kick off“-Meeting der Reise, eine Großgruppenveranstaltung, zu der neben den Führungskräften auch rund 30 Mitarbeitende eingeladen waren: ein Tag mit vielen Begegnungen und Gesprächen, wie sie mir als Vorstand im Haus viel zu selten möglich sind. Mein Smartphone war über Stunden im Flugmodus. Ich wollte wirklich ganz dabei sein. Und es hat sich gelohnt: Für mich ist dieser Tag eine ermutigende Erfahrung der Kraft von Vernetzung. Wie viele Kompetenzen sind in unseren Teams vorhanden, wie viele unterschiedliche Perspektiven auf das, was wir tun. Welche Chancen öffnen sich, wenn man sie Arbeitsbereich übergreifend zusammenführt? Schon das wird sich auswirken auf unser aller Arbeit im Werk. Wir brauchen solche Vernetzungen von Kompetenz, eine Kultur der gegenseitigen Gegenlese und noch ungewohnte Allianzen, um mit den anstehenden globalen, europäischen und nationalen Herausforderungen konstruktiv umzugehen.

Für mich hat diese „Learning Journey“ – so nennt die Agentur den Prozess, in dem sie uns begleitet, – eine hohe Priorität. Sie steht unter der Überschrift „zusammen:führen“ und soll das Führungsleitbild, das wir seit Mitte 2015 gemeinsam erarbeitet haben, nun mit Leben füllen.

Ich finde es unverzichtbar für eine nachhaltige Wirkung unserer Arbeit in Diakonie, Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe, gemeinsame Antworten auf die Frage zu finden, wie wir in einer komplexer werdenden Welt auch unseren Mitarbeitenden Orientierung geben können. Im Werk in Berlin, aber natürlich wird das auch außerhalb der Caroline-Michaelis-Str. 1 wirken.

Wie geht das heute – wertorientiert führen? Was sind die Kriterien, an denen wir unsere Aktivitäten messen und messen lassen? Unter anderem an dieser Frage werden wir in den kommenden Monaten in unterschiedlichen Formen und Formaten weiter arbeiten: eine Reise mit vielen Stationen.

Natürlich ist es viel zu früh, um inhaltlich konkreter zu werden. Aber ein Beispiel will ich versuchen, Stichwort: Demographischer Wandel. Der trifft unsere Arbeit in vielfältiger Gestalt – als Fachkräftemangel, als Veränderung der Sozialräume, als Problem für den Sozialstaat, als medizinische und pflegerische Herausforderung, als Chance für das bürgerschaftliche Engagement. Eine Entwicklung, die mit ihren komplexen Zusammenhängen und Folgen sicher nicht mehr mit „versäultem“ Zuständigkeitsdenken und unveränderlichen ideologischen Antworten beantwortet werden kann, sondern kreative und sachkundige Teams mit vielen Perspektiven und der Bereitschaft zum ständigen Weiterdenken erfordert. Wie kann orientierende Führung hier aussehen? Wie helfen uns klassische Kriterien wie Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung als Werte dabei, und helfen sie noch? Oder müssen wir pragmatischer werden, vielleicht auch konkreter und toleranter darin, dass es unterschiedliche Wege gibt, um ein Ziel zu erreichen? – Ich jedenfalls bin sehr gespannt, wohin uns unsere Reise führen wird.

2 Gedanken zu „Reisen bildet“

  1. Ich finde die Herangehensweise gut. Die Menschen haben ein Recht darauf, unsere Überzeugungen zu kennen.Und dafür müssen wir sie formulieren und kommunizieren.
    Ein Gesicht haben.
    Ein Profil.
    Nicht ständig danach fragen, was Hinz und Kunz vielleicht hören möchten.
    Sondern uns unserer Überzeugungen bewusst werden, sie artikulieren und der Gesellschaft zumindest die Orientierung geben, wofür wir stehen!

  2. Wenn ich die Führungsleitlinie lese, denke ich: das Wort “Führungskraft” ließe sich sehr gut austauschen durch das Wort “Mitarbeiter”. Dazu gehört die Frage: Brauchen die “Führungskräfte” keine Orientierung durch ihre Mitarbeitenden? Wie könnte eine Organisation aussehen, die nicht am Maschinenmodell der Organisation orientiert ist?
    Sehr praxisnah geht Frederic Laloux auf diese Frage ein, am Beispiel des Pflegedienstes Burtzorg aus Holland, hier auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=CzD2gpd_txc und hier als Rezession seines Buches http://www.socialnet.de/rezensionen/19625.php.
    Ohne Ihr Beratungsunternehmen in seinen Qualitäten einschätzen zu können, würde ich mir eine Reflexion dessen wünschen, was Richtung und Verbundenheit in einer Organisation bedeuten können.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.