Die Armutsspirale durchbrechen

Auf meinen Reisen begegne ich oft Menschen, die Probleme als Herausforderung ansehen, über ihren Bereich hinausdenken und die Grundhaltung haben, gemeinsam schaffen wir das: Heike Binne ist so eine Anpackerin. Ich habe sie gestern kennengelernt: Sie ist Quartiersmanagerin in Bremen Lüssum und betreut unter anderem das „Haus der Zukunft“. Der Stadtteil gilt als sogenannter Problembezirk, fast jedes 3. Kind lebt in Armut. Viele dieser Kinder kommen aus Familien mit Eltern im Hartz-IV Bezug und haben kaum Perspektiven.

Hausaufgabenbetreuung nach dem Mittagessen in der Egestorffgrundschule © Anieke Becker
Hausaufgabenbetreuung nach dem Mittagessen in der Egestorffgrundschule © Anieke Becker

Aber was man schafft, wenn man Kooperationen eingeht, Hilfe leistet und auch welche annimmt, kann man hier wunderbar sehen. Im „Haus der Zukunft“ arbeiten Stadt, Kirche, freie Träger, viele Vereine und die Diakonie Bremen eng mit den Bürgerinnen und Bürgern zusammen. Daraus ist ein menschenfreundlicher und ausstrahlender Ort entstanden mit einer Kindertagesstätte, Sportangeboten, Sprach- und Musikkursen.

Ein Angebot ist das Küchenprojekt, das sich an Langzeitarbeitslose richtet – besonders an Frauen  –  und staatlich gefördert wird. Sechs Frauen –  Mütter von Kindern, die die unmittelbar benachbarte evangelische Kindertagesstätte besuchen,  – arbeiten hier und erwerben mit einer modular aufgebauten Qualifikation Zertifikate im hauswirtschaftlichen Bereich. Diese gute Idee hilft allen: Der Kindergarten wird tagtäglich ausschließlich mit frischem Essen versorgt, die Frauen genießen eine ganz neue Wertschätzung ihrer Nachbarn im Stadtteil und lernen nebenbei noch einiges über gesunde Ernährung. Das steigert das Selbstwertgefühl und zuhause gibt es weniger Fastfood. Ein bestechend gutes Modell, das mich zwei Dinge lehrt: Wenn wir in der Diakonie und in den Kirchengemeinden Kooperationen mit Anderen eingehen, können wir noch viel mehr erreichen und mit Anderen vor Ort Perspektiven schaffen. Das ist gelebte und verlässliche Kirche, eine Lösung für diese Menschen, die mit diesen Menschen erst möglich wird. Und: Sanktionen in der Arbeitsmarktpolitik bringen nichts außer Frust und sozialen Abstieg mit hohen menschlichen und fiskalischen Folgekosten. Viel sinnvoller ist es, eine aktivierende Arbeitsmarktpolitik zu fördern, die auf diese Menschen eingeht, ihre Fähigkeiten und Schwierigkeiten individuell in den Blick nimmt und ihr Selbstwertgefühl steigert. Denn dieses Gefühl geben sie auch an ihre Kinder weiter.

Heike Binne, Quartiersmanagerin im Haus der Zukunft © Anieke Becker
Heike Binne, Quartiersmanagerin im Haus der Zukunft © Anieke Becker

In Bremen werden jetzt 500 neue öffentlich geförderte Arbeitsplätze geschaffen. In meinem Gespräch mit Bremens Bürgermeister Dr. Carsten Sieling ging es auch darum wie wir Städtebündnisse schaffen können, um bei der Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit  voneinander zu lernen. Und um die flächendeckende und vergleichende Erprobung einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik  – wie den Passiv-Aktiv Transfer, wo passive Leistungen, die ein Langzeitarbeitsloser vom Staat bekommt, dafür genutzt werden, um die Reintegration in Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe zu finanzieren. Das wird in Modellregionen, wie Bremen eine ist, ausprobiert.  Es wäre doch toll, wenn z. B. Städte wie Dortmund, Nürnberg und Bremen mit diesem Modell einmal fünf Jahre erproben würden, ob wirklich nichts geht bei den Langzeitarbeitslosen. Das „Haus der Zukunft“ beweist mit Ideenreichtum und Engagement schon heute das Gegenteil.

Doch wir müssen viel früher ansetzen um den Teufelskreis der Armutsspirale zu durchbrechen. Das zeigt die nächste Station meiner Reise: Hannover. Hier besuche ich den Mittagstisch an der Egestorffgrundschule, einer offenen Ganztagsschule in Linden. Marcia, 8 Jahre, erklärt: Nach Schulschluss kommen die Kinder zum Mittagstisch und können bis 16:00 bleiben, sie machen mit Begleitung ihre Hausaufgaben, spielen und kochen. Heute gab es Kartoffelbrei und Schokopudding. Marcia findet es super.

Schuldirektor Horst Kemmling berichtet von den vielen Problemen besonders am Schulstart. Erstklässler bringen oft weder Bücher, noch Schultaschen oder Stifte zur ersten Stunde mit. Die Solidarität unter den Eltern ist zwar groß und wer mehr verdient, spendet auch mal einen alten Ranzen, aber für ein Land, in dem wir jeden Monat noch bessere Wirtschaftsdaten und Arbeitslosigkeitsstatistiken vorgelegt bekommen, ist auch das im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis! Die Diakonie in Niedersachen hat zusammen mit dem Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD  herausgefunden, dass die 100 Euro für Schulmaterialien aus dem Bildungs- und Teilhabepaket bei weitem nicht reichen. Die Summe müsste um 53 Euro erhöht werden. Mit einem Petitionsaufruf an den Bundestag fordern die Kolleginnen und Kollegen in Niedersachsen nun eine Gesetzesänderung.  Wenn 50.000 Unterschriften zusammen kommen, muss der Bundestag sich mit der Thematik beschäftigen. Nehmen Sie sich bitte fünf Minuten Zeit und unterstützen Sie bitte diesen Aufruf. Denn es ist höchste Zeit, dass wir in diesem reichen Land endlich über die von Armut und Ausgrenzung bedrohten Kinder und deren Eltern sprechen und etwas dagegen tun.

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