Der Tag der Tischgemeinschaft

Geben Sie doch mal bei Google Bildersuche „Letztes Abendmahl“ ein. Habe ich grade getan, einen Screenshot (der rechtefreien Bilder) finden Sie gleich hier. Trotz des Filters bleiben immer noch sehr viele Treffer.

Diese wohl berühmteste Tischgemeinschaft in der europäischen Kunstgeschichte gibt es in unzähligen Varianten, die sich sehr ähneln: Ein langgestreckter Tisch, um ihn versammelt 13 Männer, Jesus in ihrer Mitte. Meist kann man an Gestik oder Mimik Judas, den Verräter, ausmachen. Oft wirkt die Szene insgesamt erstaunlich emotional. Mitunter sind den Jüngern auch Symbole zugedacht, damit der kundige Betrachter weiß, um wen es sich handelt.

Wer sich diese alten Symbole nicht einfach entschlüsseln kann wie Emoticons bei WhatsApp, für den bleiben für den ersten Blick: Menschen, die um einen Tisch versammelt sitzen, auf dem erschütternd wenig zu essen steht. Ein Kelch mit Wein, ein wenig Brot, manchmal ein Lammbraten. Hier geht es offensichtlich nicht um Schlemmerei – das kann auch der Betrachtende ahnen, der die religiöse Interpretation nicht mehr kennt. Die Männer auf diesem Bild sind aus einem anderen Grund versammelt – das Essen muss zweitrangig sein. Dass diese Szene ein Blick in die Herzkammer christlicher Dogmatik zeigt, den Ursprung von Abendmahl, Eucharistie illustriert, wissen nur wenige.

Ich möchte das heute gar nicht beklagen. Der larmoyante Unterton, mit dem Christen Nichtchristen mitunter begegnen, geht mir ohnehin auf die Nerven. Es ist wie es ist. In einer pluralistischen Gesellschaft kann man einfach nicht mehr davon ausgehen, dass mein Gegenüber, dieselben Dinge kennt und schätzt wie ich. Doch gerade für das Zusammenleben in dieser vielfältigen Gesellschaft, das wir immer noch üben, hat das alte Bild von der Tischgemeinschaft eine Menge zu erzählen. Darüber kann man mit jedem Menschen in Gespräch kommen. Die Botschaft ist einfach: Wir alle müssen essen. Selbst wenn uns alles andere trennt, die Notwendigkeit zu essen und zu trinken, um weiter leben zu können, verbindet uns ganz elementar. Immer wieder beginnt Gemeinschaft, Freundschaft beim gemeinsamen Essen und Trinken. Wie viel kann bei einem gemeinsamen Essen beginnen.

Nicht umsonst hat eine gemeinsame Mahlzeit in allen Kulturen eine wichtige Bedeutung. Sie stiftet Gemeinschaft, sie ist ein Teil der gelebten Gastfreundschaft, die auch dem Fremden einen Platz am eigenen Tisch einräumt. Ob Brot, Wasser, Wein, Eintopf, Tee oder Pizza – mit dem Unbekannten wird geteilt, was man hat. Ich lasse den Fremden nicht hungern, während ich selber satt werde. Es gilt auf der ganzen Welt als ein Vergehen, diese Gastfreundschaft zu verweigern oder zu missbrauchen. Und in Gesellschaften, in denen der nächste gut ausgestattete Lebensmittelladen, der nächste Snack-Point nicht um die Ecke ist, und satt zu werden nicht selbstverständlich, verstehen die Menschen oft noch mehr von Gastfreundschaft als bei uns.

Gründonnerstag – der Tag des gemeinsamen Essens. Auch der Verräter sitzt mit am Tisch. Außerdem einer, von dem es heißt, Jesus habe ihn lieb. Dann Petrus, der mit seinem starken galiläischen Akzent später negativ auffallen wird und die ewig um alles konkurrierenden Zebedaiden-Brüder – diese jüdische Männerrunde. Und wir dürfen uns dazusetzen. Das erzählt das einladende und zumutende Bild von der Tischgemeinschaft, das hat Jesus in seinem Wirken vorgelebt: Männer, Frauen und Kinder. Christin und Moslem, Agnostiker und Esoterikerin, Gesinnungs – oder Verantwortungsethiker, Syrer, Türkinnen, Afghanen, die Menschen Schwarzafrikas und die Familien aus dem Kosovo an einem Tisch. „Kommt, es ist alles bereit“, sagt Jesus Christus. Und: „Friede sei mit euch.“ Auch das feiern wir an Ostern.

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