Ökumene sozial

Sie sind Geschwister, wenn nicht sogar Zwillinge – die Katholische Soziallehre und die sozialdiakonischen Folgen der Reformation.  Das habe ich gestern in meinem Grußwort zum Auftakt der 17. Delegiertenversammlung des Deutschen Caritasverbandes in Magdeburg  gesagt.

Herkulesaufgabe Strukturwandel: Auch hier arbeiten Diakonie und Caritas mit ihren Kirchen an Konzepten. ©n0core CC 2.0 via

Ich halte es in unserer sowohl säkulareren als auch multireligiöseren Gesellschaft für selbstverständlich und zunehmend unverzichtbar, dass Caritas und Diakonie auch über zu akzeptierende Verbandsgrenzen hinweg öffentlich hörbar mit einer Stimme sprechen: Ökumene sozial – im Interesse der Menschen in Notlagen und an ihrer Seite, für eine moderne Gesellschaft, in der Nächstenliebe und Solidarität keine Fremdworte sind. Wir können das: Die Tafel der Vielfalt im vergangenen Jahr war ein gelungenes Zeichen dieser Gemeinsamkeit, unser Transparenzpreis hat bereits Tradition und Bahnhofsmission oder Telefonseelsorge gehen schon lange mit gutem Beispiel voran. Ein nächstes gemeinsames Ziel von Diakonie und Caritas: eine Enquetekommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ in der kommenden Legislaturperiode.

Dieses Thema hat höchste Priorität. Dass unser Land sozial immer weiter auseinanderdriftet und wie sehr sich Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen in den Regionen unterscheiden, das beschäftigt mich sehr. Wenn die Herkunft aus einem bestimmten Landes- oder Stadtteil zusätzlich zu den bekannten Hemmnissen dauerhaft Bildungschancen, Teilhabe am Erwerbsleben oder eine menschenwürdigen Pflege im Alter erschweren, darf das so nicht bleiben. Das zu ändern, ist auch eine bundespolitische Aufgabe.

Demografischen Wandel gestalten

Der demografische Wandel etwa stellt sich regional sehr unterschiedlich dar. Während sich in den östlichen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt eine weitere Standort-Verschlechterung ankündigt, werden insbesondere die südlichen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg dank ihrer Wirtschaftskraft weiterhin junge, qualifizierte Menschen hinzugewinnen.

Es ist niemandem vorzuwerfen, aus unattraktiven Landstrichen in wirtschaftlich erfolgreiche Boom-Regionen abzuwandern. Aber die Auswirkungen dieser Abwanderung für die Gemeinwesen sind fatal. Dazu kommen schon heute Zehntausende von Wochenpendlern mit den entsprechenden Belastungen für ihre Familien und Nachbarschaften – und für die Umwelt.

Im Westen stehen die ehemaligen Industriereviere Ruhrgebiet und Saarland vor einem Bevölkerungsschwund, wie er bisher nur aus den neuen Bundesländern kurz nach der Wende bekannt ist. Ähnlich sieht es in vielen Gebieten entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze aus, etwa in Niedersachsen, Nordhessen oder Oberfranken. Bis zum Jahr 2020 müssen rund 60 Prozent aller deutschen Landkreise und kreisfreien Städte damit rechnen, Bevölkerung zu verlieren.

Insgesamt – soviel ist sicher – wird sich die demographische Entwicklung im ländlichen und strukturschwachen Raum erheblich dramatischer darstellen als in den Metropolregionen mit guter Haushaltslage.

Dabei wirken sich die rapide zunehmend ungleichen sozialen Lebensbedingungen in den unterschiedlichen Regionen und die völlig unterschiedlichen kommunalen Haushaltslagen als zusätzliche Erschwernisse für die grundgesetzlich geforderte Gleichwertigkeit der Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserem Land aus: Schon heute finden wir in einer Kommune wie Düsseldorf  beitragsfreie Kindertagesstätten, während nur zehn Auto-Minuten weiter, in Wuppertal, ein konfessioneller Kindergarten nach dem anderen geschlossen wird, weil eine städtische Refinanzierung der Unterhaltskosten wegen einer desolaten kommunalen Haushaltssituation nicht mehr gewährleistet werden kann. Beitragsfreiheit ist hier eine Illusion. Auch kirchliche und diakonische Träger können das nicht auffangen. Es ist eine Herkulesaufgabe, diesem Strukturwandel und seinen Folgen zu begegnen. Auch hier arbeiten Diakonie und Caritas mit ihren Kirchen an Konzepten. Auf Kirchengemeinden und die kirchliche Wohlfahrt kommen neue Aufgaben zu, die wir gemeinsam angehen können und sollten.

Außerdem: Die Option für die Armen und Schwachen hat sich bekannterweise ebenfalls säkularisiert. Sie ist längst kein Alleinstellungsmerkmal der Kirchen mehr. Zum Glück, kann man eigentlich sagen. Denn das heißt auch: Diakonie und Caritas finden Bundesgenossinnen und Weggefährten in nahezu allen gesellschaftlichen Segmenten: Es gibt Partner, mit denen wir zusammenarbeiten können und sollten – auch in der Zivilgesellschaft, zu der wir gehören.

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