Pflege an der Grenze

Der Deutsche Pflegetag, der vom 14.-16. März in Berlin stattfindet, hat einen diakonischen Star: Jens Wackerhagen, Extremläufer und OP-Pfleger bei Diakovere, startet hier und heute einen 302-Kilometer-Lauf zu seiner Arbeitsstätte in Hannover. In zwei Tagen will er es schaffen. Ein Ziel, wie schon in früheren Läufen: Spenden zu sammeln. Andererseits will er – liest man im Begleitmaterial des Pflegetags – für seinen „geilen Job“ werben: „Damit es für uns gemeinsam in der Pflege besser läuft!“

Mann walkt durch karge Berglandschaft
Unterwegs für die Pflege: Jens Wackerhagen, Extremsportler und OP-Pfleger bei Diakovere, geht an seine Grenzen – auch für seinen Beruf.

Was wird nicht alles getan, damit das Thema Pflege die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient. Ich bin wirklich froh, dass derzeit öffentlich wieder deutlich vernehmbarer über die Herausforderungen rund um die Pflege gesprochen und gestritten wird. Dass das Thema auch jenseits der Fachkreise diskutiert wird.

Menschliche Gesellschaft

Denn hinter all diesen Debatten um Zahlen und Strukturen stehen immer konkrete Menschen in konkreten Situationen. Vordergründig geht es um Gesetze und Finanzierung, um Ausbildung und Bezahlung, um Pflegesätze und Personalschlüssel. Aber eigentlich geht es um die Lebensqualität unserer Alten, Kranken, Pflegebedürftigen und der sterbenden Menschen.

Und es geht auch um die Lebensqualität unserer Angehörigen, Nachbarinnen und Freunde, die in der Pflege arbeiten. Schlussendlich geht es um unsere eigene Lebensqualität!

Denn wer über die Situation in der Pflege spricht, spricht über die Menschlichkeit in unserer Gesellschaft und darüber, wie sie gelebt wird, wenn die Kräfte uns verlassen. Das ist die entscheidende Wertedebatte!

Lebensqualität der Schwachen

Ich sehe es auch als eine Aufgabe der Diakonie, immer wieder auf diesen Zusammenhang aufmerksam zu machen. Wie es den Schwächsten geht, ist nichts weniger als der entscheidende Maßstab für den Zustand einer Gesellschaft. Nicht die kulturellen, sportlichen, ökonomischen Spitzenleistungen entscheiden über das menschliche Antlitz unseres Landes. Sondern schlicht die Beantwortung der Frage: Was ist uns die Lebensqualität der Schwachen wert? Und was sind uns die Menschen wert, die für sie da sind?

Eines der viel zu oft vernachlässigten Themen im Reden über die Pflege ist das Sterben. Auch beim Pflegetag wird es, wenn ich es richtig gesehen habe, wieder keine besondere Rolle spielen. Sterbende haben keine starke Lobby. Sie leben an der Grenze, auch an der Grenze der Aufmerksamkeit.

Stiefkind stationäre Altenpflege

In der Diakonie setzen wir uns schon lange dafür ein, dass sich das endlich ändert: Dass Krankenhäuser und stationäre Pflegeeinrichtungen in die Lage versetzt werden, sterbende Menschen verlässlich zu begleiten. Denn immer noch sind Krankenhäuser oder stationäre Pflegeeinrichtungen die Orte, an denen die meisten Menschen sterben. Und zu viele ältere Menschen sterben allein.

Der Grund: Es fehlen Geld und qualifiziertes Personal. Man könnte auch sagen: Es fehlt die Zeit, der Tod hält sich nicht an Termine und Dienstpläne. Sind Hospize inzwischen durch die Krankenkassen vergleichsweise gut finanziert, ist die stationäre Altenpflege hier immer noch eher das Stiefkind.

Die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen verhindern förmlich, dass sich das Pflegeteam die Zeit nehmen kann, um Stunden, ja, vielleicht auch Tage und Nächte verlässlich am Bett eines Sterbenden für ihn da zu sein. Seit Jahren hören wir in der Diakonie nicht auf, darauf hinzuweisen.

Der Gesetzgeber hat festgelegt, dass Pflege auch Sterbebegleitung mit einschließt. Aber schon vorher haben sehr viele Pflegeeinrichtungen aus eigener Initiative, Palliativ Care zum Thema gemacht und oben auf die Tagesordnung ihrer Einrichtung gesetzt.
Manche Einrichtungen arbeiten eng mit ambulanten Hospizdiensten zusammen. Mit gutem Erfolg.

Nur Stückwerk

Auch regional aufgestellte Teams zur spezialisierten ambulante Palliativversorgung unterstützten Pflegeeinrichtungen fachlich bei der Versorgung von Bewohnerinnen und Bewohnern, die im Sterben liegen.

Stärker noch wird dieses Angebot aber von palliativen Patienten mit Tumorerkrankungen in Anspruch genommen.

All das bleibt jedoch Stückwerk. Es reicht keinesfalls, um zu gewährleisten, dass niemand alleine zu sterben braucht. Darum ist der Gesetzgeber gefragt.

Hospizkultur schaffen

Sinnvoll wäre es, verlässlich durchfinanzierte Rahmenbedingungen zu schaffen, die es jedem Heim ermöglicht, mindestens eine Stelle einzurichten, die ganz grundsätzlich für die Organisation von Palliativ Care und die Gestaltung der Abschiedskultur des Hauses verantwortlich ist.

Eine mit den behandelnden ÄrztInnen gut abgestimmte vorrausschauende Pflegeplanung hilft unsägliche und überflüssige, kostspielige und menschlich sehr einsame Krankenhausaufenthalte vieler hunderttausend alter Menschen zu vermeiden.

Es gilt Weiterbildung zu initiieren, die den Einsatz der Haupt- und Ehrenamtlichen sinnvoll koordiniert und dafür Sorge trägt, dass sich in einer immer älter werdenden Gesellschaft auch in einer stationären Einrichtung der Altenhilfe eine Hospizkultur entfalten kann, die der Würde der Sterbenden und Begleitenden endlich gerecht wird.

Pflege und politische Kultur

Wenn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der Schirmherr des Deutschen Pflegetags, und seine Kabinettskollegen Hubertus Heil und Franziska Giffey den Kongress heute mit einer Diskussion zur Konzertierten Aktion Pflege eröffnen, läuft der OP-Pfleger Jens Wackerhagen schon Richtung Hannover.

Pflege menschenwürdig zu gestalten, bleibt eines der wichtigsten Themen unserer politischen Kultur.

Ich wünsche mir, dass Jens Wackerhagens Lauf und seine an die Grenzen gehende Energie die Debatten um die Pflege und die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, inspirieren. Und dass wir bei der verlässlichen palliativen Versorgung unserer Alten endlich weiterkommen. Dafür werden wir mit langem Atem kämpfen.

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