Faire Lieferketten auch für die Diakonie

Shilpi Rani Das steht in ihrem Sari festlich gewandet alleine auf der Bühne und fängt an, ihre Geschichte zu erzählen. Sie ist eine der Überlebenden von Rana Plaza, diesem unsäglichen Bau, in dem im Jahr 2013 weit über 1000 Näherinnen ums Leben kamen und fast genauso viele schwerst und schwer verletzt wurden.

Shilpi Rani Das
Shilpi Rani Das hat den Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch überlebt. Sie setzt sich nun für faire Arbeitsbedingungen ein.

Shilpi (sie unterstreicht, dass sie mit dem Vornamen angesprochen werden möchte) berichtet, dass sie stundenlang unter den Trümmern gelegen habe, weil die Decken über ihr so eingestürzt waren, dass die Retter einfach nicht an sie herankamen. Als sie endlich geborgen und im Krankenhaus war, erklärten die Ärzte ihrer Mutter, dass sie keine Chance zum Überleben hätte. Schwerste Arm- und Beinverletzungen würden mindestens eine Arm- und eine Fußamputation nötig machen. Bei dem Allgemeinzustand eine Frage des Überlebens. Und Shilpi berichtet stockend und mit den Tränen kämpfend, dass ihre Mutter damals gesagt habe, was soll ich mit einer Tochter ohne Arm und ohne Bein, dann lasst sie lieber sterben. So hart ist das Leben in Bangladesch.

Grüner Knopf: Orientierung beim Einkauf

Als der Arzt dann Shilpi selbst fragte, als sie aus dem Koma erwachte, sprach er noch einmal mit der Mutter und überzeugte sie, dass eine Tochter ohne Arm auch eine liebens- und lebenswerte Tochter sei. Nach mehrmonatigen Krankenhausaufenthalten in unterschiedlichen Kliniken und einem dramatischen Kampf um das Leben hat Shilpi überlebt und steht jetzt strahlend auf dieser Bühne und erzählt von ihren Plänen. Inzwischen genießt sie eine gute Ausbildung und sie will Anwältin werden, sich für die Rechte der Frauen in Bangladesch einsetzen.

Shilpi ist die Eröffnungsrednerin bei der Vorstellung des Grünen Knopfes des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der Grüne Knopf ist ein Versuch mehr Verantwortung für Verbraucherinnen und Verbraucher zu ermöglichen. Sozial und ökologisch. Er soll Orientierung geben beim Einkauf nachhaltig produzierter Textilien, und produzierende Unternehmen wie Konsumenten können so ihr Engagement für Nachhaltigkeit zeigen. Wer nachhaltige Textilien erwirbt, hat eine Chance einen wichtigen Beitrag zu leisten für Menschen und Arbeitsrechte weltweit, zum Klimaschutz, zum Erhalt von Biodiversität sowie zum Schutz von Wasser und Böden. So lassen sich viele Fliegen mit einer Klappe schlagen. Nicht nur für jeden von uns, wenn wir uns eine neue Hose oder eine neue Jacke oder ein paar neue Schuhe kaufen. Auch für uns als Diakonie. Ich bin überzeugt, dass es höchste Zeit ist, dass wir in unseren Mitgliedsunternehmen und unseren Verbänden uns dieser gemeinsamen Herausforderung stellen.

Beschaffung an nachhaltigen Kriterien orientieren

Allein im Krankenhaus- und Pflegebereich werden Bettwäsche, Handtücher und Berufskleidung in großen Mengen eingesetzt. Die Einrichtungsstatistik 2016 zählt allein im stationären Bereich in der Altenhilfe 167.771 und im Krankenhausbereich 47.487 Betten. Über 100.000 Menschen arbeiten jeweils in der Altenhilfe und in der Krankenhilfe. Mit diesen Zahlen haben wir durchaus eine Marktrelevanz. Darum freue ich mich, dass wir in Zusammenarbeit mit einigen diakonischen Unternehmen ernsthaft im Gespräch sind, wie wir Lieferketten und Beschaffung an nachhaltigen Kriterien orientieren können. Aktuell läuft eine Studie bei der GIZ die uns helfen soll, bei den komplexen Beschaffungsfragen hier neue zukunftsfähige Wege zu entwickeln.

Mir ist bewusst, dass wir das im Wettbewerb mit anderen tun und unter dem Druck der öffentlichen Refinanzierungssysteme und trotzdem müssen wir es hinbekommen. Der Grüne Knopf ist nicht unumstritten. Es gibt viele Textilsiegel. Die Fachleute von Brot für die Welt sind sich aber einig, es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Wir leben in der Einen Welt und wir haben alle eine Verantwortung, dass sie auch für unsere Kinder und Kindeskinder lebenswert bleibt. Und wir haben eine Verantwortung dafür, dass sich solche unseligen Unglücke wie in Rana Plaza nicht wiederholen. Daran hat uns Shilpi Rani Das in ihrem bewegenden Auftritt am 9. September 2019 erinnert.

2 Gedanken zu „Faire Lieferketten auch für die Diakonie“

  1. Einen Schritt weiter denken bitte – Wir kaufen nicht nur Textilien! Welches Essen kommt von wo jeden Tag auf den Tisch unserer diakonischen Einrichtungen? Welches Kopierpapier verwenden wir? Wie reduzieren wir Emissionen unserer Dienst-KFZ? Wie fördern wir nachhaltige Mobilität der Mitarbeitenden? Welche Form der Energieversorgung wählen wir? Welche Kriterien bestimmen unsere Lieferantenbeurteilungen?
    Nur wenn Diakonie und Kirche ihre Einkaufsmacht wirklich bündeln und nachhaltig ausrichten, sind wir zum Thema „Bewahrung der Schöpfung“ und „Achtung der Menschenwürde“ glaubwürdig. Die beste Möglichkeit, das in praktisches Tun umzusetzen: Die Gemeinwohlbilanz! Alles andere greift zu kurz.
    Ich freue mich, wenn das mehr und mehr in Kirche und Diakonie ankommt. Es wird Zeit!

    1. Lieber Herr Knorr,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und die Hinweise darin auf das große Ganze. Mit dem Bündnis „Grüner Knopf“ haben wir einen ersten Schritt gemacht hin zu einem stärker ausgerichteten, sozial- und ökologisch verantwortlichen Handeln. Dem müssen ganz klar weitere folgen. Daran arbeiten wir und freuen uns über jede Unterstützung. Herzliche Grüße Ulrich Lilie

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