Den Blick auf das Lebensende richten!

Unsere Vorstellungen über das eigene Sterben sind stark geprägt von persönlichen Erfahrungen mit dem Tod naher Angehöriger. Nur selten erleben wir aber noch, wie nahe Verwandte oder Freunde zu Hause im Kreise ihrer Lieben aus dem Leben scheiden.

© Marc Tarlock unter <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC 2.0</a> <a href="https://www.flickr.com/photos/mtarlock/5307792693/in/photolist-962PR8-mJ1xV-rRC4Jo-hU6Fwk-hU7xDJ-dqFozs-hU7fnb-hU78j3-871bss-dqFpb6-871g7d-dPAaZz-cdiJPY-fZr73x-4umr8y-gwX6sC-4mGM5S-5BAzE3-92FNfc-u8e6EB-4uhn8X-bNDRz8-5Vfj8h-pdwHV1-tQtXj7-o8p4bQ-9TCgYG-tQtWC7-pSY8TE-6c6tQ-hrxfv-4tmgJZ-tb57U1-bzKe8o-sgvqhx-jTob4M-h9rMbS-6rSAGx-o8r8T9-pdxXd8-4tmgXe-29u4ge-6fAqBD-o8r81h-rHrGjT-pDfqHo-nR2Q4G-dN8ECa-oaiAmz-4VkPmu">via</a>
© Marc Tarlock unter CC 2.0 via

Viel häufiger hören wir, dass gerade sehr alte und pflegebedürftige Menschen erst nach einer langen Odyssee zwischen Krankenhaus und Pflegeeinrichtung sterben. Mich wundert daher nicht, dass die Mehrheit der Bundesbürger die Beihilfe zum Suizid befürwortet. Diesen Eindruck vermitteln die meisten Studien, die im Rahmen der aktuellen Diskussion zum assistierten Suizid veröffentlicht wurden.

Wenn man genauer hinschaut, so wie es EKD und Diakonie vor Kurzem in einer gemeinsam beauftragten Umfrage getan haben, ist es vor allem die Angst vor einem langen Siechtum, die Menschen dazu bewegt, für Sterbehilfe zu votieren: 62 Prozent der Befragten haben Angst vor einem langen Sterbeprozess, 60 Prozent vor starken Schmerzen oder schwerer Atemnot und 54 Prozent befürchten, der eigenen Familie zu stark zur Last zu fallen. Interessanterweise verringern sich diese Ängste mit zunehmenden Alter: Wer die 80 überschritten hat, wer sein Leben gelebt oder vielleicht schon den Tod des Partners oder von Freunden miterlebt hat, verneint solche Ängste eher als jüngere Menschen oder Menschen im mittleren Alter, die keine oder nur wenige Erfahrungen im Umgang mit Tod und Sterben haben.

Meine persönliche fast zwanzigjährige Erfahrung in der Krankenhaus – und Hospizseelsorge bestätigt die dringende Notwendigkeit eines differenzierten Blicks. Vor allem hat mich meine berufliche, aber auch meine persönliche Erfahrung mit dem Sterben eine gewisse Skepsis gegenüber einer Fetischisierung des Begriffs der „Selbstbestimmung“ gelehrt. Selbstverständlich war die Frage Jesu an den Blinden vor Jericho “ Was willst Du, das ich dir tun soll?“ die entscheidende Frage auch für alle Angebote, die wir im Hospiz gemacht haben. Aber Abhängigkeiten, Angewiesenheit auf fachliche Hilfe und unterschiedlichste menschliche Konstellationen prägen auch das selbstbestimmte Sterben. Wer diese Aspekte des Menschseins – und die einer schweren Erkrankung – überspringt, wird den Nöten und Fragen von Sterben nicht gerecht. Unentschiedenheit und Ambivalenzen prägen auch diese Phase des Lebens. „Drive slowly – Death is so permanent“ warnen Schilder entlang der Highways in den USA. Ich misstraue denen, die das Schwierige zu einfach und eindeutig machen wollen. Darum begrüße ich eine Regelung, die menschengerechte Spielräume am Lebensende lässt und diese für die Wahrnehmung von verantwortlichen und gut mit allen Betroffenen abgestimmten Entscheidungen ausdrücklich einräumt.

Beihilfe zur Selbsttötung darf in einer humanen Gesellschaft keine Option unter anderen sein. Jeder Mensch muss sicher sein können, auch am Lebensende ausreichend versorgt zu werden und zwar überall: zu Hause, in einem Hospiz, in einem Pflegeiheim oder einer Palliativstation eines Krankenhauses. Deshalb ist der flächendeckende Ausbau der palliativen Versorgung dringend notwendig. Neben Spezialeinrichtungen wie Hospizen und ambulanten Hospizdiensten muss vor allem die Palliativpflege in den Altenpflegeheimen und bei den ambulanten Pflegediensten ausgebaut werden. Hier sterben heute die meisten Menschen und sie haben einen Anspruch auf die bestmögliche Begleitung. Nur so können wir den Ängsten breiter Bevölkerungskreise vor einem qualvollen Sterben entgegenwirken. Dafür werden wir weitaus mehr Geld in die Hand nehmen müssen, als die Politik derzeit investieren will. Diese Weichen müssen in einer – Gott sei Dank – immer älter werdenden Gesellschaft schnell gestellt werden.

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