Österliche Verwegenheit oder ohne Ostern keine Diakonie

Die Karwoche, die Osterfeiertage bleiben eine irritierende Zumutung. Für Christinnen und Christen, und noch mehr für Menschen, die der Kirche fern stehen. Die Getauften in aller Welt erinnern sich an das Leiden und Sterben von Jesus von Nazareth. Und an seine Auferstehung.

Wer Ostern feiert, verlässt sich auf diese verwegene Heiterkeit des Lebendigen
Wer Ostern feiert, verlässt sich auf diese verwegene Heiterkeit des Lebendigen

Eine irre Idee für alle, die sich mit Kirche schwer tun. Und was bedeutet sie in der Diakonie? 

Für mich ist die Geschichte vom Leiden, Sterben und Auferstehen einer der mutigsten und folgenreichsten Texte der Menschheit. Sie ist die Revolutionärin unter den Geschichten, und ihre Kühnheit, behaupte ich, ist das Schwungrad meiner, unser aller Arbeit in der Diakonie. Für die Frommen wie auch für die weniger Frommen in unseren Reihen. Denn die erstaunliche Geschichte vom Leiden, Sterben und Auferstehen des Menschen- und Gottessohns Jesus feiert den Sieg der Menschlichkeit, der Lebendigkeit über die Totmacher aller Couleur. Sie lädt dazu ein, sich mit der angeblichen Macht des Faktischen nicht abzufinden. Sie stellt sich denen in den Weg, die immer schon wissen, wie das Ende aussieht. Allein, dass diese Auferstehungsgeschichte in der Welt ist, inspiriert seit Jahrhunderten ungezählte Männer und Frauen dazu,  ihrerseits dem Tod in seinen vielen lebensverhindernden Facetten nicht das letzte Wort zu überlassen. „Er ist auferstanden“ ist das Gegenteil von „Da kann man nichts machen.“ Und von diesem Widerspruchsgeist des Lebendigen lebt auch die Diakonie. Ohne Passion, ohne Ostern – keine Diakonie.

Drei Irritationen rund um das Osterfest begeistern mich:

Zuallererst diese Erschütterung des Gottesbildes: Die Geschichte Jesu Christi spitzt zu, was schon im Alten Testament formuliert wird: Gott ist nicht ausreichend beschrieben, wenn man ihn gut, allmächtig und ewig nennt. Gott, so bekennen wir Christen, wird ein leidender Mensch. Gott lässt wissen, das legen die Autoren der Bibel nahe,  dass er nicht nur im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi gefunden werden kann, sondern in jedem Menschen, besonders wenn er – oder sie –  leidet, verfolgt und ausgestoßen ist. Dieser Gott ist eben keine himmlische CinemaScope-Version menschlicher Größenphantasien. Mit diesem Gott lässt sich keine Herrschaft über andere begründen und kein Statussymbol gewinnen. Dieser Gott bleibt – still und unerkannt – an der Seite derer, die ohne Status sind. Was für eine Nachricht für die Starken, Einflussreichen, Dazugehörenden jeder Gemeinschaft – auch für einen Diakoniepräsidenten.

Ein solches Gottesbild bleibt nicht ohne Folgen für meinen Umgang mit meinen Mit-Menschen: Wer es ernst nimmt, wird lernen können, den lebendigen Gott in der wohnungslosen Frau  zu erwarten, im geflüchteten Kind, im sterbenden alten Mann oder in der langzeitarbeitslosen Nachbarin. Gotteslästerung wäre es dann, den Schwachen ein Leben in Würde zu verweigern. So gesehen ist Diakonie in allen ihren Handlungsfeldern Gotteslob – vom Krankenpfleger bis zur Hospizmitarbeiterin, von der Fachärztin bis zur Pressesprecherin: Wer sich für die Würde und die Lebensmöglichkeiten der Schwachen einsetzt, gibt Gott die Ehre. Auch so feiert man Ostern.

Der ‚Witz‘  an Ostern aber bleibt die Auferstehung dieses besonderen Gottesmenschen. Wenn es diese Geschichte von Himmel und Erde nicht schon gäbe, müsste sie wirklich erfunden werden. Sie nimmt das, was sich auf Erden als Recht des Stärkeren behauptet, einfach nicht Ernst. „Er ist auferstanden!“ – das ist die verwegenste Behauptung der Evangelien. Und ich finde, nicht nur wir Christinnen und Christen täten gut daran, uns diese Couragiertheit selbst wie ein Mantra immer wieder vorzusprechen. Damit sie sich tief einsenkt in uns, in das Denken und Fühlen und sich entfalten kann als verantwortetes Handeln. Auferstehungsglaube ist verwegen. Auferstehungsglaube ist das Gegenteil von Sachzwang. Er verweigert den Feinden des Lebens und der Lebendigkeit schlicht den Gehorsam. – Wer Ostern feiert, verlässt sich auf diese verwegene Heiterkeit des Lebendigen. Das ist ein Glaube, den jeder und jede brauchen kann. Nicht nur in der Diakonie.

Ich wünsche Ihnen herzlich heitere, lebendige Ostertage.

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