Pfingsten: die Muttersprache Gottes verstehen

Die Pfingsterzählung vom Heiligen Geist in Apostelgeschichte 2 ist ganz großes Kino. Special effects inklusive: Brausen, Feuerzungen vom Himmel und Fremdsprachenwunder. Ich werde am Sonntag in Berlin darüber zu predigen haben. Für den Blog möchte ich nur einen Satz aus der Pfingstgeschichte aufgreifen: „Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“

Viele Menschen warten zur Hauptverkehrzeit auf einem U-Bahngleis in New York City © Chris Ford unter CC 2.0 via
Geschäftiges Treiben zur Rush Hour in New York – eine ähnliche Szene beschreibt Lukas in der Apostelgeschichte. © Chris Ford unter CC 2.0 via

Lukas filmreife Dramaturgie unterstreicht, wie wichtig das Ereignis für seinen Entwurf der Geschichte ist, aber entscheidend sind nicht die Blitze und nicht das Getöse, entscheidend ist die Sache mit dem Hören und Verstehen.

Ich stelle mir diese Szene vor: Ein Platz mitten in Jerusalem. Ein buntes Volk ist da versammelt: „aus allen Völkern untern dem Himmel“. Parther und Meder und Alamiter, Leute aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Pontus, der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen, Römer, Kreter und Araber. Männer und Frauen der damals als zivilisiert geltenden Welt. Wir können uns einfach dazustellen. Gemeinsam ist uns allen über die Kulturgrenzen und zeitlichen Abstände hinweg – davon geht der Evangelist aus – eine gewisse religiöse Musikalität, ein Sehnen nach Gerechtigkeit: Es sind gottesfürchtige Menschen, formuliert Lukas. Spirituell, fromm, offen für religiöse Fragen, sinnsuchend.

Zoomen wir uns noch etwas näher heran: Geschäftigkeit und buntes Treiben wie auf dem Alexanderplatz in Berlin oder auf dem Tahrirplatz in Kairo. Und dann geschieht etwas in dieser bunten Menschenmenge. Einzelne horchen auf, weil sie plötzlich Vertrautes hören. Dort, in der Fremde unter Fremden. Mitten im allgemeinen Kommunikationsrauschen und Stimmengewirr werden immer mehr Menschen darauf aufmerksam. Ich stelle mir vor, wie hier ein Meder, dort eine Ägypterin und da ein Araber sich unterbrechen lässt, mitten im gesprochenen  Satz innehält und den Kopf hoch reckt. Lauscht. Warum? Weil er – oder sie – unerwartet einen Begriff, ein Wort, eine Sprechmelodie vernommen hat, die wie aus einer fernen Heimat klingt.

In diesem ersten Moment des Aufhorchens, des Gewahr-Werdens geht es Lukas noch gar nicht um Inhalte. Petrus wird erst später mit seiner Ansprache beginnen. Nein, dieses erste Aufhorchen ist unabhängig vom Sinn der Worte. Dieses Aufhorchen folgt allein einem Klang. Er nährt nicht das Denken, sondern  vielmehr das Empfinden. „..da kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“. Menschen aus aller Herren Länder hören in der Fremde unverhofft etwas, das nach Zuhause klingt: Muttersprache. Die berührt. Die lässt sie aufmerksam werden.

Wer sich jemals länger im Ausland aufgehalten hat und auf den Austausch in der eigenen Sprache verzichten musste, weiß, was für eine Wohltat es sein kann, plötzlich Stimmen zu hören, die die vertraute Sprache sprechen. Ein spontanes Gefühl der Zugehörigkeit flammt auf, ein Heimatgefühl,  für einen Moment. Der Sound von zuhause. Und der lässt einen die Ohren spitzen. Gottes Geist schenkt – unabhängig wo und mit wem Sie unterwegs sind – ein Gefühl von Zuhause.

Später wird Lukas die Leute sagen lassen: „Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden“. Das ist Pfingsten: Wo der Geist wirkt, wird von den großen befreienden Taten Gottes so gesprochen, dass wir uns beheimatet fühlen in einer nur schwer zu verstehenden Welt. Mitten im unübersichtlichen Leben. Wo der Geist Gottes wirkt, können das auch andere, vermeintlich Fremde verstehen. Wo der Geist Gottes wirkt, fassen Menschen plötzlich wieder Mut. Und: Wo Menschen von den befreienden Taten Gottes hören, entsteht so ein neues Wir, das nach einer Form sucht, nach Wiederholung. Das ist der Anfang der Kirche.

Wer dieser geheimnisvolle Gott ist und worin die großen Taten Gottes eigentlich bestehen, entfaltet die Bibel in allen ihren Büchern. Ein faszinierender Traditionsstrom führt von den Freiheitsgeschichten des alten Israels über Gesetz und Propheten bis zu Jesu Leben, Tod und Auferstehen. Geschichten , die von Recht und Gerechtigkeit, von Erbarmen und Barmherzigkeit, von Liebe und Gotteserkenntnis erzählen. So funkelt der Schatz des Geistes Gottes, den die Christenheit in ihren Kirchen für andere und mit anderen leuchten lassen soll. Auch wir in der Diakonie sind Hüter dieser Schätze. Und Menschen, die sich in den Kirchen oder der Diakonie beheimaten, verbindet über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg, dass sie in immer neuen Bildern, durch sprechende Worte und Taten, durch Ereignisse und gemeinsame Erfahrungen von den großen Befreiungstaten Gottes hören, darüber sprechen, in ihrem Geist handeln. Ja, sie selbst erfahren und sich (selbst) besser verstehen. Darum geht es Pfingsten. Feiern Sie schön!

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