Unersetzbar: Die Kraft zivilisierter Religion

© Fischer Verlag
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Das berühmte Blaue Sofa auf der Frankfurter Buchmesse interessiert mich in diesem Jahr gewissermaßen persönlich. Denn heute am spätnachmittag stellt Harald Welzer dort unser Debattenbuch „Die offene Gesellschaft und ihre Freunde“ vor.

Der vielstimmige Band dokumentiert Diskussionsbeiträge des Projekts „Offene Gesellschaft“ über das ich im Blog schon mehrfach geschrieben habe – und trägt die Debatte so weiter in die Öffentlichkeit.

Ich freue mich, dass der Verlag dem Buch eine solche Plattform verschafft. Ungewöhnlich für ein Taschenbuch. Aber es geht ja um viel: Um das Land, in dem wir leben wollen.

Mein Beitrag in diesem Band beschäftigt sich aus evangelischer Perspektive mit der konstruktiven Bedeutung von zivilisierter Religion für die offene Gesellschaft. Mir ist wichtig, mich als Christ an diesem Gespräch zu beteiligen, denn im allgemeinen Diskurs wird Religiosität oft pauschal als Hindernis auf dem Weg zu Pluralismus und Freiheit begriffen. Für viele säkulare Menschen scheinen religiöse Männer und Frauen per se Freiheitsfeinde zu sein. Dogmatisch und nicht auf der Höhe der Zeit mit ihrem Glauben an Gott. Egal ob sie Christen, Moslems oder Juden oder anderweitig religionsgebunden fromm sind. Am ehesten akzeptiert wird eine verschwommene Spiritualität, die sehr individuell ist. Ich verstehe das – viel zu viel Leid und Intoleranz sind mit Geschichte der verfassten Religion, auch der Kirche, verbunden. Aber leider nicht nur mit der Geschichte der Kirche (und auch der Diakonie). Dogmatismus und Fanatismus führen schließlich jede Weltanschauung in die Gewalt. Auch deswegen sind Demokratie, Rechtsstaat und Pluralismus so wichtig. Sie zähmen den Fanatismus.

Die wechselseitige Lerngeschichte zwischen sozialen Bewegungen, Zivilgesellschaft, Kultur, Staat und Kirche und Diakonie ist aber auch eine Geschichte von mehr gemeinsam erstrittener Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit. Auch eine Geschichte des Widerstands aus Glauben gegen Intoleranz, Totalitarismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Darum halte ich eine totalitäre Ablehnung des Glaubens und sein Abdrängen in die Sphäre des Privaten für bestenfalls oberflächlich, manche öffentliche Äußerungen für empörend intolerant. Die positive zivilisatorische Gestaltungskraft der Bibel mit ihrem Beharren auf Barmherzigkeit und systematischem Schutz der Schwachen ist nicht zu unterschätzen. Sie wirkt in der Tiefenstruktur der Kultur unserer Gesellschaft

Gerade in Deutschland sind Kirchen und Diakonie einen beeindruckenden Lernweg gegangen – wir haben erlebt und dafür gestritten, auch untereinander, gleichzeitig fromm und demokratisch- und dialogfähig zu sein. Ein Beispiel, das Schule machen kann und wird. Auch im Islam in Deutschland gibt es längst solche Prozesse – sie gilt es zu unterstützen! Das sind Aspekte, die ich in meinen Beitrag zu dem Debattenbuch (ab 27. 10. Im Buchhandel) zur Diskussion stelle. Diskutieren Sie mit?

Hier eine Leseprobe:

„Als Christ beobachte ich mit besonderer Aufmerksamkeit, mitunter auch Sorge, wenn Menschen in unserem Land offenen Bekenntnissen zur Religion ablehnend begegnen. Für mich sind Kopftuch, Kippa und Kreuz, Minarett, Kirchturm und buddhistisches Zentrum ein lebendiger Ausdruck gesellschaftlichen Reichtums, der auf vielfältige Weise unsere Kultur und unsere Öffentlichkeit prägt. Auch Atheistinnen, Esoteriker und spirituell Gleichgültige gestalten unser Land mit. Und dieses Recht, ja, diese Pflicht haben eben auch die „klassisch Religiösen“. Davor braucht sich in unserer starken rechtsstaatlichen Demokratie niemand zu fürchten. Wichtig ist, dass wir miteinander respektvoll ins Gespräch gehen, neue Formate des Austauschs finden und gemeinsame Ziele definieren, deren Erreichung unsere Gesellschaft zu einem lebenswerteren Ort für alle macht. Auf das tatsächlich gestaltete gemeinsame Leben kommt es an.

(…)

Klingt das zu idealisiert? Was ist mit den Fratzen der Religion, die in der Geschichte Angst und Schrecken verbreitet haben und bis heute noch verbreiten? Was ist mit der unglückseligen Verquickung von staatlicher Macht und fundamentalistischer Verblendung? Rund um den Globus müssen Menschen schreckliche Erfahrungen der Angst mit Religionsgemeinschaften und ihren Vertretern machen. Religionsgemeinschaften sind nicht einfach gut, sie können gefährliche und lebensfeindliche Prozesse freisetzen – wie jede andere von Menschen interpretierte Weltanschauung. Die Geschichte ist voll von Totalitarismus und Diktatur im Namen der guten Sache. Auch die Kirchen können ein Lied davon singen. Gerade deswegen bin ich ein Verfechter unseres freiheitlichen säkularen Rechtsstaates, der einen Rahmen dafür schafft, dass Religionsgemeinschaften sich zivilisieren können und müssen. Die evangelische Kirche, der ich angehöre, hat inzwischen viel Erfahrung, sich mit den Impulsen aus einer freiheitlichen Zivilgesellschaft kontrovers und konstruktiv auseinanderzusetzen, ohne sich deshalb gleich an den Zeitgeist auszuliefern. Es war ein langer Weg von der Wiederentdeckung der Freiheitstraditionen im christlichen Glauben hin zu der gesprächsfähigen Haltung, die sich unter Christinnen und Christen heute finden lässt. Engagierte Christen arbeiten unter anderem in allen demokratischen Parteien mit, viele prominente Mandatsträger sind ein beeindruckender Beleg für die These, dass sich öffentliche Religion und ein freiheitlicher und säkularer Staat gegenseitig bereichern. Wir lassen uns gerne herausfordern, wir überprüfen und formulieren unsere Positionen in fortdauernden Gesprächen, in die Argumente aus der sach- und zeitgemäßen Interpretation des Evangeliums genau so eingehen, wie neue Einsichten und Impulse aus Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft. Wir haben gelernt, auch in den eigenen Reihen Pluralität als theologisch gerechtfertigt zu begrüßen. Oder zumindest auszuhalten. Kurz: Es ist möglich, im demokratischen Deutschland ein gläubiger Christ zu sein und mit seinem Glauben einen Platz in dieser Gesellschaft finden. Warum sollte das für andere Religionsgemeinschaften anders sein?“ (…)

Ab dem 27.10. wird das Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Freunde“ im Buchhandel zu haben sein.

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