Zivilgesellschaft stärken

Gremienarbeit ist manchmal nicht vergnügungssteuerpflichtig, aber heute gab es  einen richtig spannenden Sitzungstag: Die Konferenz Diakonie und Entwicklung (KDE) hat in Berlin  über das Thema  „Die Zukunft der Demokratie und die Rolle der Zivilgesellschaft“ beraten. Auch  über die Rolle, die Diakonie und Kirche mit ihren Werken  hier spielen.

Das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. in Berlin. © Thomas Meyer

Für die Arbeit von Diakonie und Brot für die Welt sind intakte zivilgesellschaftliche Strukturen eine Grundvoraussetzung. Denn in dem Maße, in dem die Freiheitsrechte zivilgesellschaftlicher Partner beschnitten werden, wird auch der Handlungs- und Wirkungsraum des Evangelischen Werkes für Diakonie und Entwicklung eingeschränkt – hier bei uns genauso wie weltweit.

Sorge um Europa

Mit großer Sorge nehmen wir darum wahr, dass in einer zunehmenden Zahl von Ländern elementare demokratische Errungenschaften, Werte und Beteiligungsmöglichkeiten wegbrechen oder in Frage gestellt werden. Auch in der Europäischen Gemeinschaft und direkt vor unserer Haustüre. Die neue Direktorin der Diakonie Österreich hat uns in ihrem Grußwort eine beeindruckende Innenansicht aus unserem Nachbarland gewährt; neben Angriffen auf die Unabhängigkeit der öffentlichen Berichterstattung soll nun auch die unabhängige Rechtsberatung von Flüchtlingen zu einer staatlichen Hoheitsaufgabe in Österreich werden.

Regelmäßige Blogleserinnen erinnern sich vielleicht an meine jüngst geschilderten  Eindrücke aus Rumänien, wo die Zivilgesellschaft unter allerschwersten Bedingungen agiert: Behindert  von der Politik, geschwächt durch die Abwanderung der Hochqualifizierten, die für sich und ihre Familien keine Zukunft in der eigenen Heimat sehen.

Auch unsere deutsche Gesellschaft durchläuft gegenwärtig vielfältige Veränderungen. Die Megathemen Globalisierung und Klimawandel, Digitalisierung, Demographischer Wandel und Migration übersetzen sich in eine Vielzahl von Vorort-Problemen und  werden in der  Nachbarschaft erlebbar.  Die zunehmende regionale Ungleichheit der Lebensverhältnisse zerrt an unserem Gemeinwesen.

Diakonie und Freiwillige Feuerwehr

Es ist abzusehen,  dass eine Vielzahl  bislang staatlich gewährleisteter Regelstrukturen  nicht mehr in der bislang gekannten Form flächendeckend aufrechterhalten werden können. In vielen Regionen gehören Kirche und Diakonie – bzw. die Caritas – neben den freiwilligen Feuerwehren zu den letzten Akteuren vor Ort, die noch über ein gewisses Maß an Infrastruktur verfügen.

Genau hieraus erwächst für uns Verantwortung und Chance zugleich:  Wenn es uns gelingt über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und vor Ort in der Kirchengemeinde bzw. im regionalen diakonischen Werk neue, ungewohnte Bündnispartner zu gewinnen.

Ich sehe in der breiten Präsenz von Kirche und Diakonie vor Ort und in unserer Kompetenz besondere Chancen. Sie sind wie zweieiige Zwillinge, deren gemeinsames Handeln in einer Gesellschaft, die älter, religiös und kulturell immer pluraler, digitaler und sozial ungleicher wird, zukünftig noch überzeugender zu entwickeln ist.

Diesen Ansatz haben wir in den zurückliegenden Jahren mit dem Schwerpunktthema der Diakonie Deutschland „Wir sind Nachbarn. Alle“ bearbeitet. Auch das Schwerpunktthema 2018 bis 2020 der Diakonie unter dem Motto „Kennen.Lernen – Eine Initiative für Vielfalt und Begegnung“  wird wieder in Kooperation mit den Kirchen umgesetzt. Wir suchen, initiieren und setzen Projekte und Aktivitäten um, die sich für ein Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft engagieren.

Für eine Offene Gesellschaft

Oft sind Initiativen von Kirche und Diakonie noch in Milieu-Blasen verhaftet. Es braucht aber die Öffnung hin zu einer Zivilgesellschaft der „Wohlmeinenden“, die in einem breiten Konsens die Heterogenität der Gesellschaft spiegelt und an gemeinsamen Themen arbeitet. Die Diakonie Deutschland engagiert sich daher auch in der Initiative „Die Offene Gesellschaft“ . 2019 wollen wir die Beteiligung deutlich steigern und werden intensiv dafür werben, weitere Bündnispartner und Unterstützer aus Kirche und Diakonie zu gewinnen.

Wir haben uns heute auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt, in der es genau darum geht.  Sich einbringen in die Prozesse, die unsere Wirklichkeit gestalten. Im Entwurf steht: „Kirchen, die Diakonie und die Entwicklungszusammenarbeit sind gefordert, die globalen und gesellschaftlichen Umwälzungen mit zu gestalten, die Menschen darin zu begleiten und sich für globale politische Regulierungsmechanismen einzusetzen, um Teilhabe aller, Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit, Schutz der Menschenrechte und die Ablehnung jeder Form von Diskriminierung wahren, bzw. durchsetzen zu helfen.“

Der Schatz der Debatten

Noch ein Papier, mögen manche seufzen. Was bringt das schon?  Aber die internen und öffentlichen Debatten, die Prozesse, die solchen Papieren vorangehen, sind wichtig.  Auch wenn sie mühsam  sind und manchmal Nerven kosten. Doch genau solche Debatten sind die Schätze unseres demokratischen Gemeinwesens.

Und gerade für eine komplexe Organisation wie die Diakonie eine ist – mit ihren  vielen verschiedenen Verbänden, Mitgliedern, Trägern und Einrichtungen, die vernetzt im ganzen Bundesgebiet und darüber hinaus arbeiten – , sind solche gemeinsamen Debattentage sehr wichtig.

Wir brauchen solche Diskussionsprozesse und auch die  Verständigung auf gemeinsam vertretene Positionen,  damit unser Netz nicht reißt. Damit wir uns gemeinsam weiter entwickeln. Damit  sichtbar, erfahrbar  werden kann, dass wir – um das Bild zu wechseln – als soziale Arbeit der Kirchen an einem Strang ziehen. In all unseren unterschiedlichen Gewerken. Öffentlich, streitbar, an der Seite derer, die keiner oder zu wenige hören. Da, wo Gott uns hingestellt hat mitten in dieser  unerlösten Welt.

 

#Unteilbar und die besorgten Bürger

Samstag ist Unteilbar-Tag: Großdemonstration in Berlin unter dem Motto „Solidarität statt Ausgrenzung – für eine offene und freie Gesellschaft“: Diakonie Deutschland und Brot für die Welt unterstützen mit vielen anderen #unteilbar, weil Mitmenschlichkeit nicht verhandelbar ist.“ Mit diesem Satz und einem Hashtag-Foto haben meine Vorstandskollegin von Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weitzel, und ich schon Anfang des Monats dazu aufgerufen, sich zu beteiligen. Auf der Facebookseite der Diakonie zum Beispiel. Das gab kritische Reaktionen. „#Unteilbar und die besorgten Bürger“ weiterlesen

Pfingsten und die Offene Gesellschaft

Pfingsten feiert die Christenheit ein großartiges Konzept von Gemeinschaft! Kein populistisch hingeklotztes Wir, das bestimmte Menschen ein- und andere ausschließt! Kein „christliches Abendland“ als kultureller Kampfbegriff! Kulturelle Kampfbegriffe und Pfingsten passen nicht zusammen.

Menschen um eine Tafel auf dem Tempelhofer Feld
Nach-Pfingsten: Am 16. Juni 2018 findet der Tag der offenen Gesellschaft statt ©Diakonie

Denn Pfingsten feiert die Christenheit eine Gemeinschaft, die Vereinzelung überwindet, Individualität schützt und in der Diversität kein Hinderungsgrund für Zugehörigkeit ist.
„Pfingsten und die Offene Gesellschaft“ weiterlesen

Erster Tag der Offenen Gesellschaft

Die Offene Gesellschaft ist das Zuhause unserer Kirche. Dass wir in einer freien Gesellschaft Kirche sein dürfen, ist ein historisches Glück. Deswegen haben auch Christinnen und Christen an diesem Samstag, am 17. Juni, einen Grund zum Feiern. Die Initiative Offene Gesellschaft und Diakonie Deutschland rufen zum ersten „#dafür – Tag der Offenen Gesellschaft“ auf.

Eine Tafel mit vielen Menschen
Der Prototyp – die erste Tafel letztes Jahr am Washingtonplatz in Berlin. Für den 17. Juni haben sich jetzt schon fast 400 Tafeln bundesweit angemeldet. © Hermann Bredehorst

 

Die Idee: Ab 17 Uhr stellen wir unsere Tische und (Garten-)Stühle auf die Bürgersteige, auf Marktplätze oder Dorfwiesen, in die Kleingärten oder auf die Kirchvorplätze und setzen uns im ganzen Land zu Tisch mit Freunden und Familie, Nachbarn und Fremden. Wir widmen unsere Tischgemeinschaft – privat oder öffentlich – der Offenen Gesellschaft. Jede und jeder bringt etwas zu essen und zu trinken mit. Nach dem Fastenbrechen kommen auch die muslimischen Freundinnen und Nachbarn noch dazu. In Berlin gibt es bislang 65 Tafeln. Ob es noch mehr werden?  Das liegt auch an Ihnen! Mehr unter: www.die-offene-gesellschaft.de. „Erster Tag der Offenen Gesellschaft“ weiterlesen

Tag des Dafür – 17. Juni 2017

Bitte vormerken und mitmachen! Mit der Initiative Offene Gesellschaft planen wir am Sonnabend, den 17. Juni ab 17 Uhr ein landesweites Fest der Demokratie, der Vielfalt und der Freiheit, ein Fest der offenen Gesellschaft eben.

Auftakt-Diner der Initiative Offene Gesellschaft in Berlin © Ute Burbach-Tasso

Überall in Deutschland sollen kleine und große Tafeln gedeckt werden für Freundinnen, Freunde, Nachbarn und für Familie und Fremde. Gemeinsam essen, debattieren, feiern und sichtbar machen, welches Land Deutschland sein will – und sein kann. „Tag des Dafür – 17. Juni 2017“ weiterlesen

Schleuser bekämpfen – nicht Flüchtlinge

Wir sollen uns davor hüten, „unsere Werte und Rechtsauffassungen durch politischen Aktionismus zu opfern, nur um einige Tausend Menschen ohne Bleibeperspektive vielleicht einige Wochen schneller aus dem Land zu bekommen.“ Sage nicht ich, das meint Jörg Radek, der Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Rechtsstaatlichkeit sei auch im Wahljahr wichtig.

Ein Gebäude davor steht ein Zaun
Ein Ausreisezentrum in Fürth (©epd/Hans Reiner-Fechter)

Als Diakonie-Präsident kann ich dem nur zustimmen und ergänze: Wer beim Umgang mit abgelehnten Asylbewerbern zu ängstlich auf die Reaktionen aus der ultra- rechten Ecke schielt, droht „Maß und Mitte“ und unsere erkämpften Werte genauso wie unsere Verfassung aus dem Blick zu verlieren. „Schleuser bekämpfen – nicht Flüchtlinge“ weiterlesen

Unersetzbar: Die Kraft zivilisierter Religion

© Fischer Verlag
© Fischer Verlag

Das berühmte Blaue Sofa auf der Frankfurter Buchmesse interessiert mich in diesem Jahr gewissermaßen persönlich. Denn heute am spätnachmittag stellt Harald Welzer dort unser Debattenbuch „Die offene Gesellschaft und ihre Freunde“ vor.

Der vielstimmige Band dokumentiert Diskussionsbeiträge des Projekts „Offene Gesellschaft“ über das ich im Blog schon mehrfach geschrieben habe – und trägt die Debatte so weiter in die Öffentlichkeit.

Ich freue mich, dass der Verlag dem Buch eine solche Plattform verschafft. Ungewöhnlich für ein Taschenbuch. Aber es geht ja um viel: Um das Land, in dem wir leben wollen. „Unersetzbar: Die Kraft zivilisierter Religion“ weiterlesen

Tafel der Vielfalt

Heute hatten wir Gäste. Sehr unterschiedliche Gäste. Wir, das sind die Diakonie Deutschland und der Deutsche Caritasverband. Wir haben im Rahmen der Interkulturellen Woche am Tag des Flüchtlings, zu einer „Tafel der Vielfalt“  geladen. Am Washingtonplatz, direkt am Berliner Hauptbahnhof: Ein offenes Zelt, ein festlich gedeckter Tisch, eine freundliche Atmosphäre.  Fest  – und Tischredner war Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert. Und eingeladen waren Geflüchtete, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sowie Vertreter von Organisationen und Institutionen, die sich auch für eine offene Gesellschaft engagieren.

Vom Deutschen Musikrat bis zum Zentralrat der Muslime, von der IG Bergbau, Chemie, Energie bis zur Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, von den Kirchen über Pro Asyl, dem Deutschen Frauenrat bis hin zum Deutschen Fußballbund.  Mit einer der schönsten Gesten, mit einem gemeinsamen Essen wollen wir ein öffentliches und einladendes Zeichen für eine weltoffene Gesellschaft und ein gelingendes Zusammenleben zu setzen. Mehr dazu im Video.