Wichern, Nachbarn und New York

New York. Studienreise. Am Samstag geht der Flieger, und meine Tochter findet meine Arbeit plötzlich cool. In meinen Augen war der Rest der Woche ja auch nicht ohne. Hier nur ein paar Eckdaten zur Veranschaulichung. Dieser Blog soll ja auch „ein Fenster auf die Vorstandsarbeit“ sein.

Publikum und ein Redner
Unser Jahresempfang im Neuköllner Sharehouse Refugio ©Stephan Röger

Montag und Dienstag: Strategieklausur der Diakonie Deutschland, wo stehen wir mit der Umsetzung der Ziele, die wir uns in diesem Jahr gesetzt haben? Und welche Korrekturen sollten wir an unseren mittelfristigen Zielen vornehmen, weil sich manches in unserem Land und in Europa und der Welt in den letzten drei Jahren verändert hat? Dann interne Sitzungen, ein Aufsatz wartet auf Abschluss, ebenso noch eine Rede und ein Grußwort. Und das Planungstreffen für das 7. Berliner Demografieforum, für das wir neu Verantwortung übernommen haben – mit den Partnern aus Politik und Wirtschaft. Ein neues Format. Die Fragen: Mit welchen Formaten wollen wir 2018 weitermachen, welche Themen sind uns und unseren Partnern wichtig, welche (diakonischen) Akzente wollen und können wir öffentlichkeitswirksam im Programm setzen? Und wie können wir die Aufmerksamkeit für diesen internationalen Kongress und seine Ergebnisse erhöhen? Dazwischen die üblichen Telefonate, Emails und so weiter.

Agilere Netzwerkkompetenzen

Mittwoch und Donnerstag die zweitägige Abschlusstagung zum Diakonie-Jahresthema „Wir sind Nachbarn. Alle“. Ich werde zur Eröffnung einen Impulsvortrag halten und zuhören, mitdenken. Dieses Nachbarschafts-Thema pulsiert wie ein Basso Continuo durch mein Denken: Diakonie und Kirche als Mitgestalterinnen des Sozialraums, mit dem Ziel, eine Gesellschaft zu bauen, in der alle – hilfebedürftig oder nicht – Teilhabe und lebendige Nachbarschaft erleben können. Auch so zeigt sich der Glaube an den menschenfreundlichen Gott. Um diese Teilhabe aller in unserer bunter und älter werdenden Gesellschaft umzusetzen, da bin ich sicher, brauchen wir in Kirche und Diakonie auch und zunehmend Partner außerhalb des kirchlichen Milieus. Wir brauchen agilere Team- und Netzwerkkompetenzen, eine Art “Brückenbau – und Netzwerkkompetenz”. Gemeinsame Fragen mit unterschiedlichen Partnern in einer Kleinstadt könnten beispielsweise sein: Wie bringen wir in unserer Stadt „unsere“ Geflüchteten in Arbeit? Oder: Wie können wir dafür sorgen, dass unsere pflegebedürftigen Alten in ihrem vertrauten Stadtteil wohnen bleiben können? Welche Bildungs-, Spiel- und Kulturangebote organisieren wir für junge Familien und Kinder? An solchen und ähnlichen Fragen an einem runden Tisch oder in Bündnissen zu arbeiten – mit Männern und Frauen aus Kirche, Diakonie und Stadtverwaltung, aus IHK, Mittelstand und Moscheeverein oder den Sportvereinen bietet Chancen. Für alle. Es gibt ja gute Beispiele, dass solche Initiativen Früchte tragen. Dahinein müssen Kirche und Diakonie. Manchmal bin ich ein wenig ungeduldig, dass das alles so langsam geht.

Am Mittwochabend stand dann der Wichernempfang 2017 auf dem Programm, der Jahresempfang der Diakonie Deutschland mit rund 180 Gästen. Wir wollen ihn zukünftig immer um den 21. April herum feiern, dem in diesem Jahr 207. Geburtstag des Diakonie-Urahnen Johann Hinrich Wichern. Wir waren im Neuköllner Sharehouse Refugio zu Gast, einem rundum beeindruckenden Integrations- und Nachbarschaftsprojekt der Berliner Stadtmission. Reden, Begegnungen, Gespräche mit Gästen aus dem Verband, der Kirche, der Politik und der Gesellschaft. Politische Entscheider können positive Erfahrungen mit der Diakonie vor Ort machen. Dazu gehört auch Fingerfood in Neukölln, das eine in ganz Syrien bekannte Fernsehköchin gezaubert hat, die mit ihrer Familie flüchten musste und sich mit einem Partyservice nun eine neue Existenz aufbaut. Ich bin froh, dass wir Staatssekretär Gunther Adler vom Bauministerium als Redner gewinnen konnten, der kurzfristig Ministerin Hendricks vertrat. Das Ministerium ist so ein Partner, an den keiner sofort denkt, wenn es um Diakonie geht. Aber das Projekt „Kirche findet Stadt“, das wir mit der Caritas auf den Weg gebracht haben, findet hier verlässliche Unterstützung. Auch hier also: „Wir sind Nachbarn. Alle.“

Vernetzte Nachbarschaft in Kiel

Heute – Freitag – ein nächster sehr wichtiger Termin. Eine große Ehre und Freude: Die Bundeskanzlerin hat sich von der Diakonie nach Kiel einladen lassen. Ich erhoffe mir: Öffentliche Aufmerksamkeit für wichtige diakonische Themen. Wir besuchen das landesweit ausgezeichnete  Pflege- und Wohnumfeldgestaltungsprojekt Gustav-Schatz-Hof, das interkulturell und quartiersbezogen in Zusammenarbeit mit der Wohnungsbaugesellschaft, der Moschee, der Kirchengemeinde und der Synagoge an gelingender Nachbarschaft und der Teilhabe aller BewohnerInnen in einem der schwierigen Stadtteile in Kiel arbeitet, inklusive einer Wohngemeinschaft für zwölf demenzerkrankte Menschen der Diakonie Altholstein. Ein ermutigendes Beispiel gelingender Inklusion, vernetzter Nachbarschaft. Türkisch-, arabisch-, polnisch-, russisch-, spanisch-, dänisch-, englisch – und deutschsprachige Mitarbeitende gehören hier zum beeindruckenden Team. Die Kanzlerin nimmt sich Zeit für die Menschen.

Und morgen also nach New York. Ich werde hier berichten. „Sozialraumerkundungen in der Großstadt“ ist unser Focus. Wir besuchen Projekte kirchlicher und anderer Sozialarbeit, die ganz ohne Sozialstaat im Hintergrund, mit den Herausforderungen urbanen Lebens zu tun haben. Was heißt diakonisch handeln hier? Welche Rolle spielen Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in einer pluralen Gesellschaft, ganz konkret im Quartiersmanagement, aber auch in den gesellschaftspolitischen Diskursen? Kurz: Wie geht „Wir sind Nachbarn. Alle“ heute im Amerika von Donald Trump? Ich bin sehr gespannt. Ihnen einen schönen ersten Mai!

Ein Gedanke zu „Wichern, Nachbarn und New York“

  1. Ein Einblick in eine fast normale Arbeitswoche also. Ich überlege: Warum weiß ich von alldem nur etwas, wenn ich den blog lese? Die Medien haben vermutlich doch irgendwas davon berichtet – aber bis an mein Ohr drang es nicht. Und da ich ein halbwegs sozialpolitisch interessierter Mensch bin, der viele weniger sozialpolitisch Interessierte kennt, vermute ich mal, dass ich nicht zu einer Minderheit gehöre mit meiner Unkenntnis.
    Fazit: Wir müssen vielleicht doch medialer denken. Tue Gutes findet schon statt, das darüber reden ist ausbaufähig. Sonst weiß am Ende des Tags niemand in der Republik etwas davon, was Anwaltschaft meint. Und darunter leidet nicht das Renommee der Diakonie, sondern der gesellschaftliche Zusammenhalt – weil es dann immer mehr Menschen sind, die meinen, niemand würde etwas für sie und für “die Schwachen” tun. Die politischen Folgen von diesem sich-abgekoppelt-Fühlen können wir aktuell in Augenschein nehmen, bei uns, aber auch in Frankreich, in Österreich, in den Niederlanden, in …. Viele Grüße

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.