Inklusives Russland?

Mein erster Gründonnerstag in Moskau. Ob und wie sich die Karwoche in meinen Aufenthalt einlesen wird – ich bin gespannt. Der eigentliche Anlass meiner Reise zusammen mit zwei Kolleginnen von Brot für die Welt ist eine zweitägige internationale Konferenz unter der Überschrift „Improving the System of Social Services for Children and Young People with Severe and Multiple Developmental Disorders“ (Verbesserung der sozialen Dienstleistungen für Kinder und junge Menschen mit schweren Entwicklungsbeeinträchtigungen).

Impressionen aus Russland

Als Veranstalter kooperieren hier unter anderen zwei Ministerien und die non-Profit Organization Center for Curative Pedagogics.

Erwartet werden entsprechend über 500 Menschen in politischer Verantwortung, aber auch etwa Einrichtungsleitende oder in NGOs Engagierte. Auch Menschen mit Beeinträchtigungen werden mitdiskutieren. Ich hoffe, dass diese Konferenz zu einem internationalen Lern-Ort der Vernetzung im Interesse der Inklusion wird. Und ein ermutigender Ausgangspunkt für weitere notwendige Schritte auf dem langen Weg zu einem selbstbestimmten Leben der Menschen mit Beeinträchtigungen in Russland.

Denn es geht in erster Linie um Reformen der großen staatlichen Kinder- und Erwachsenheime in Russland, die immer noch nicht im Einklang mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) stehen, welche auch Russland 2012 ratifiziert hat. In diesen Heimen leben heute noch mehr als 20.000 Kinder und 150.000 Erwachsene, unter ihnen auch Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Jahrzehntelang wurden diese Menschen von der restlichen Bevölkerung isoliert „verwahrt“. Es gibt flächendeckend keine oder nur minimale Berührungspunkte und Erfahrungen im alltäglichen Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen – und nun soll das Zusammenleben auch in Russland inklusiv werden. Da werden die selbstgeschaffenen Barrieren zunächst sehr sichtbar, es entstehen Fragen nach Zuständigkeiten zwischen schlecht kooperierenden Behörden und NGOs, auch Ängste, es gibt Unverständnis und Hindernisse aller Art, Fragen – praktische und ideologische.

Russland ist noch weit davon entfernt barrierefrei zu sein, Inklusion ist auch sechs Jahre nach der Unterzeichnung der UN-BRK im Grunde immer noch nicht viel mehr als eine Leitvorstellung. Aber es haben sich viele auf den Weg gemacht. Auch in den Behörden. In der Region Moskau hat sich die zuständige Regionalregierung mit den Fachleuten des Heilpädagogischen Zentrums auf einen Lernweg gemacht. Es gibt erste Erfahrungen mit ambulanten Hilfen, inklusiven Wohngruppen im Stadtquartier und auch Verselbstständigungswohnungen. Wir werden davon hören.

Einen ersten Eindruck von den Behinderungen, die Menschen mit Beeinträchtigungen und zivilgesellschaftliche Organisationen in Russland bei ersten Schritten raus aus den Großinstitutionen in einen inklusiveren Alltag erleiden, konnte ich im Herbst 2016 auf einer Begegnungsreise nach Petersburg gewinnen. Hier ist in einem gemeinsamen Gespräch mit Anna Bitova, der beeindruckenden Direktorin des Heilpädagogischen Zentrums auch die Idee zu dieser Konferenz entstanden, auf der ich nun einen der Eröffnungsvorträge über unsere Erfahrungen in Deutschland halten werde. Ich freue mich über diese Gelegenheit –  gerade in diesen Tagen, in denen die Beziehungen zum politischen Russland so belastet sind. Es ist wichtig, dass auch in solchen Phasen konstruktive Kontakte gehalten werden – Friedensarbeit hat viele Facetten. Das Netzwerk der zivilgesellschaftlichen Organisationen ist dabei nicht zu überschätzen.

Ich werde in meinem Vortrag über unsere Erfahrungen im Umgang mit der UN-BRK in Deutschland sprechen. Dazu gehört auch ein Blick in die Geschichte zum Umgang mit Menschen mit Behinderung von der gesellschaftliche Exklusion im 19. Jahrhundert, über die Segregation mit individueller Förderung und Unterstützung in „Rettungshäusern“ der Diakonie, das tödliche Mitleid und die grausame Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten bis zu den vielfältigen Prozessen der Integration in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert. All das waren Schritte auf einem langen Weg zum Konzept der Inklusion, an dessen Verwirklichung wir bis heute arbeiten.

Mutige Aktivisten für Selbstbestimmung und Teilhabe

Inklusion braucht auch bei uns hartnäckige Fürsprecherinnen und mutige Aktivisten, denn Inklusion fängt im Kopf an. Unsere Haltung muss sich ändern, wenn sie gelingen soll – bei Politikerinnen, Eltern und Lehrern, Arbeitgebern und Einrichtungsleitenden. Je nach dem mit wem man es zu tun hat, fängt die Argumentationsarbeit mitunter immer wieder von vorne an. Das Recht auf Inklusion muss errungen werden – in unseren eigenen Köpfen, in Russland, aber auch bei uns. Dazu möchte ich inspirieren.

Solche gesellschaftlichen Prozesse dauern lang und ich bewundere das fachliche und menschliche Beharrungsvermögen, den humanitären langen Atem von Anna Bitova und ihren Mitstreitern. Die UN-BRK hilft bei der Beschleunigung. Recht hat die Macht, Wirklichkeit nachhaltig zu verändern. Darum unterstützen von Brot für die Welt geförderte Rechtsexperten Eltern von behinderten Kindern und Jugendlichen bei der Durchsetzung ihrer individuellen Rechte. Ein wirksamer Hebel: Recht ist einklagbar und schafft Sicherheit, die weder Mitgefühl noch Wohltätigkeit gewährleisten können. Deswegen ist es unverzichtbar, Inklusion, Teilhabe an der Gesellschaft nicht als Gefälligkeit, sondern eben als Recht zu verstehen und durchzusetzen. Niemand würde einer Frau in Deutschland heute das Wahlrecht absprechen. Was vor hundert Jahren noch sehr umstritten war, ist heute selbstverständlich. Dass ein Mensch mit körperlicher, psychischer oder geistiger Beeinträchtigung ein Recht hat, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, dass es also darum gehen muss, die Barrieren zu identifizieren und zu beseitigen, die ihn oder sie an einem selbstbestimmten Leben hindern – das ist dagegen noch keineswegs selbstverständlich. In Russland noch lange nicht, in Deutschland noch lange nicht selbstverständlich.

Die Prozesse, die in Deutschland Gesellschaft verändern, prägen natürlich auch die Diakonie. Es gibt Aktivistinnen und Aktivisten in der Behindertenarbeit, die unsere Arbeit sehr kritisch sehen und in uns nicht die Partner erkennen, denen an der Umsetzung der UN-BRK tatsächlich gelegen ist. Verkürzt lautet ihr Argument: Je barrierefreier eine Gesellschaft wird, umso weniger braucht es Diakonische Einrichtungen, in denen Menschen mit Beeinträchtigungen leben. Das ist richtig und falsch zugleich. Denn es wird immer Menschen geben, die ohne die Unterstützung einer beschützenden Umgebung nicht leben oder sich entwickeln können.  Viele diakonische Einrichtungen arbeiten seit Jahren an institutionellen Veränderungsprozessen – Dezentralisierung und Deinstitutionalisierung heißen die Stichworte. Der Paradigmenwechsel in der Behindertenarbeit weg von der Orientierung an Defiziten mit passgenauen Versorgungsleistungen hin zur Ermöglichung selbstbestimmter und gleichberechtigter Teilhabe, wie es die UN-BRK vorsieht, verändert Gesellschaft und hat und wird auch die Arbeit der Diakonie in Deutschland weiterhin verändern. Das kann auch in Russland gelingen. Aber es wird ein weiter Weg.

Und was lerne ich von den Menschen in Russland? Ganz sicher: Den Enthusiasmus  und die Beharrlichkeit nicht zu verlieren, auch wenn die Widerstände und auch die Rückschläge ernüchternd und die Realitäten deprimierend sind. Es gibt hier wunderbare Menschen, die dafür kämpfen, dass sie als Ehrenamtliche Zugang zu den geschlossenen Einrichtungen bekommen, Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen besuchen und in Medien über ihre Erfahrungen berichten können. Es gibt zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich mit den Mutigen in den streng hierarchisch funktionierenden Behörden verbünden und viel erreichen. Über 500 Fachleute und Engagierte aus ganz Russland, aus Moldawien, Finnland und auch aus Deutschland  werden sich über ihre Erfahrungen und über die Verbesserungsbedarfe austauschen, sich enger vernetzen und ermutigen. Im bitterkalten März in Moskau setzen sie auf den Frühling. Auch der Osterglaube rechnet frech mit dem Unmöglichen. Ich wünsche Ihnen ein hoffnungsfrohes und ermutigendes Osterfest.

 

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