Stadt, Land, Bund

Braucht es eine Sterbehilfe für Dörfer? Also, gibt es Regionen, denen infrastrukturell nicht mehr zu helfen ist und die man politisch deswegen aufgeben sollte? Und wenn ja, was wären die Kriterien für einen solchen Schritt? Auch diese Frage kam beim 7. Berliner Demografie-Forum auf, und ich bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, solchen Ansinnen zu widersprechen. Dazu später mehr.

Eröffnung des Panels „Binnenwanderung als Herausforderung für Stadtverwaltung und Politik“ mit Uwe Lübking, Heribert Kleene, Dr. Heinz-Joachim Lohmann, Dr. Birgit Richtberg, Ulrich Lilie, Prof. Jörg Rocholl (v.l.n.r.) © BDF/Stephan Röger

Zwei Tage haben wir in der vergangenen Woche wieder mit rund 200 nationalen und internationalen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Kirchen und Zivilgesellschaft getagt. Sie erinnern sich vielleicht aus dem Blog, dass die Diakonie Deutschland 2017 in die Organisation dieses wiederkehrenden temporären Thinktanks eingestiegen ist, weil wir es wichtig finden, mit unseren Themen und Denkansätzen frühzeitiger in solchen Debatten präsent zu sein. Der Demografische Wandel betrifft nahezu alle unsere Arbeitsfelder.

In diesem Jahr haben wir gemeinsam mit unseren Partnern das Forum zum Thema „Binnenwanderung und Migration in Europa“ in der ESMT Berlin ausgerichtet. Ich war unter anderem bei dem Panel zu den Folgen der Binnenwanderung für Deutschland, insbesondere die Herausforderungen für Stadtverwaltungen und Kommunalpolitik, persönlich beteiligt. Es war eine gute Gelegenheit, den Austausch mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund zu vertiefen. Besonders im ländlichen Raum müssen neue Lösungen gefunden werden, wenn die Gemeinden „bunter, älter und sozial ungleicher“ werden. So formulierte Dr. Birgit Richtberg, Bürgermeisterin im hessischen Romrod – fünf Dörfer, 3000 Einwohner – die Ausgangslage und machte anschaulich, was die Wissenschaft „die wachsende Heterogenität von Sozialräumen“ nennt. Sie und ihr norddeutscher Amtskollege aus der emsländischen Gemeinde Vrees speisten wertvolle Erfahrungen aus ihrer Praxis ein und zeigten, wie es gelingen kann, die Versorgung insbesondere von wenig mobilen und älteren Bürgerinnen und Bürgern zu sichern und gleichzeitig auch jungen Familien nachhaltige Anreize zum Bleiben bieten zu können. Kurz: Wie werden oder bleiben die Kommunen als Wohn- und Arbeitsort attraktiv und wie gelingt es, für Beschäftigung zu sorgen?

Paradigma Kooperation

Wir waren uns schnell einig, dass das neue Paradigma Kooperation heißt. Ein „Standing Alone-Modus“ von Planern oder Behörden hat sich schlicht überholt. Problemen wie der Abwanderung der Jungen oder der Industrie, dem Niedergang der Infrastruktur kann Kommunalpolitik nur wirkungsvoll begegnen, wenn sich Menschen in Wirtschaft und Zivilgesellschaft vor Ort, aber auch in der Region finden, die bereit sind mit Verantwortung zu übernehmen. Wenn der Mittelstand sich mitverantwortlich fühlt für die Attraktivität des Standorts und gemeinsam mit der Stadt daran arbeitet, wie sich etwa frühkindliche Bildung verlässlich gestalten lässt, aber auch die Palliativversorgung im Alter, profitiert die ganze Stadt oder alle Dörfer einer Region. Komplexe Herausforderungen führen dazu, dass wir ein altes und bewährtes Prinzip und seine Leistungsfähigkeit neu entdecken: Wird das Grundprinzip Subsidiarität neu belebt, gewinnt auch das Wir eine neue Basis – darin stecken große Chance für jedes Gemeinwesen.

Ein pfiffiges Beispiel für eine solche Initiative aus der Bürgerschaft wird in Romrod seit einem Jahr erfolgreich getestet: Das Projekt Fairfahrt ist eine digitalisierte Form der Mitfahrbank, die Menschen ohne Auto unkompliziert und ohne Vorplanung über eine App mit Autofahrern zusammenbringt – für die Fahrt in den Supermarkt, zur Ärztin im Nachbardorf, zum Rathaus und so weiter. In einer nahverkehrsarmen Gegend ein unschätzbarer Mobilitätsgewinn – gerade für ältere Menschen. Der weiter weg wohnende Sohn einer älter und immobiler werdenden Mutter aus Romrod hat sich das ausgedacht. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass seine Mutter vereinsamen muss.

„Finden, was man sucht und geben was man hat“ – das ist ein Leitspruch der Romroder Bürgermeisterin. Finden: zum Beispiel die Ruhe und den unverbauten Sonnenuntergang; geben: etwa die Idee für mehr Mobilität oder einen Platz im eigenen Auto. In diesen „Kleinigkeiten“ wurzelt Lebensqualität. Mir machen solche Gelingenserfahrungen Mut zur Nachahmung – auch das gehört zum Paradigma Kooperation.

Sterbehilfe für Dörfer?

Brauchen wir eine Sterbehilfe für Dörfer? Ganz entschieden Nein. Wir brauchen Lebenshilfe nicht nur für die ländlichen Räume – rund 42 Prozent der Deutschen leben schließlich in Dörfern und Kleinstädten – , sondern für all die immer diverser werdenden kommunalen Räume. Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau hat immer noch Recht: Diese unterschiedlichen kommunalen Räume sind der „Ernstfall der Demokratie“. Es geht nicht darum, dass Sterben zu planen, und zynisch vom „Wolferwartungsland“ zu sprechen. Stattdessen gilt es – wie in Romrod und Vrees – intelligente Formen der Beteiligung und Kooperation zu organisieren, in denen sich die Engagierten zu neuen Partnerschaften zusammentun können. Und es braucht den politischen Willen, diese Mutigen zu unterstützen – durch kommunale Erprobungs- und Ermöglichungsfonds zum Beispiel, ein Budget ohne zu viele kontraproduktive behördliche Vorgaben. Woher das Geld kommen soll? Vom Bund? Von Investoren? Aus Spenden? Auch hier werden neue Wege zu beschreiten sein. Wichtig scheint mir eine Diskussion über verlässliche Mindeststandards an sozialer Infrastruktur, auf die jeder Mensch egal an welchem Ort in Deutschland er oder sie zuhause ist, einen Anspruch hat – das muss politisch diskutiert und umgesetzt werden – und zwar länderübergreifend.

Und Kirche und Diakonie? Wir sollten sehr wach sein in diesen Prozessen, denn unsere Glaubwürdigkeit wird auch daran gemessen, ob und wie wir uns in diese Netzwerke einbringen und Mitverantwortung übernehmen.

Ein Gedanke zu „Stadt, Land, Bund“

  1. Ich teile Ihre Meinung, das ländliche Regionen ‚Lebenshilfe‘ brauchen. Mit Augenmaß und klugen Strategien.
    Aber lassen Sie mich noch einen anderen Aspekt hinzufügen, nämlich die ‚andere Seite der Medaille‘. Ich halte es überhaupt nicht für ertrebenswert, unsere Großstädte und Metropolen immer weiter wachsen zu lassen. Die Mieten steigen ins Unermeßliche, viele Familien können sie sich nicht mehr leisten, die Infrastruktur ächzt und hinkt beständig hinterher, die Wege werden immer länger, das Stadtklima leidet unter fortschreitenden Versiegelung …
    Was wir brauchen ist ein guter Ausgleich zwischen Stadt und Land!

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