Unerhört! Diese Weihnachtsgeschichte

Für mich spielt die Weihnachtsgeschichte dieses Jahr in Schwäbisch Hall. Und sollten Maria und Josef verzweifelt eine Herberge suchen, empfehle ich diese Adresse: Vor dem Kelkertor 1.

Raum in der Herberge: Der Tagestreff in der Schuppachburg steht Menschen in Not täglich offen. ©Diakonie/Thomas Schiller

Die Notunterkunft des Trägers Erlacher Höhe an der alten Stadtmauer öffnet täglich ab 17 Uhr. Vier einfache Zimmer, acht Betten, ein Aufenthaltsraum, ein Bad. Zuflucht für Menschen in Not, die nicht wissen, wo sie die Nacht verbringen sollen. Wie Maria und Josef eben. Die junge resolute „Herbergsmutter“ mit violett-grünen Strähnen im Haar, würde sie nicht abweisen.

Und sollten sie tagsüber ankommen, könnten sie im nahen ehemaligen Gasthaus Schuppachburg, dem Tagestreff, die Ehrenamtlichen oder den Sozialarbeiter um Rat fragen.

Eine Burg für Arme

Über 300 Jahre alt ist der wuchtige dreigeschossige Bau der Schuppachburg. Früher wurde im Gewölbekeller auch Bier gebraut. Inzwischen beherbergt sie schon seit 25 Jahren eine Anlauf- und Beratungsstelle für Männer und Frauen, die sich mit Armut, Arbeitslosigkeit und den Folgen herumschlagen. Keine Wohnung zu haben, gehört auch dazu.

Als Diakonie-Präsident besuche ich öfter Einrichtungen dieser Art. Jede ist anders, alle ähneln sie sich. Die Probleme der Menschen jedenfalls sind überall dieselben. Und immer wieder bin ich nach diesen Besuchen berührt. Und begeistert:

Nachdenklich und auch ein wenig demütig stimmt mich, welche Schicksale Menschen durchleben, wie arm, krank und verlassen man sein kann in unserem reichen Deutschland.

Begeistert bin ich darüber, was für starke Persönlichkeiten mir begegnen – unter den Armen und den haupt- und ehrenamtlich tätigen Männern und Frauen, ohne deren Engagement ein solcher Tagestreff nicht möglich wäre.

Die Anfänge der Schuppachburg im Jahr 1993 – eine Suppenküche – verdanken sich einer Initiative sozial engagierter Bürgerinnen und Bürger. Wie sähe unser Land aus, wenn Menschen wie sie nicht wären?

Drei Weise im Tagestreff

Wahrscheinlich weil ich in der Adventszeit in Schwäbisch Hall war, verbinden sich für mich Lukas 2 mit dem Krippenpersonal mit meinen Begegnungen um die Schuppachburg:

Das prekäre heilige Paar betritt den gemütlichen Schankraum des Treffs. Maria kann endlich duschen, und Joseph macht die Notunterkunft im nahegelegenen Kelkertor für die Nacht klar.

Die Hirten stehen mit ihren großen zotteligen Hunden schon rauchend davor, im Gespräch mit einem Sozialarbeiter der Erlacher Höhe. Der hat Ideen für weiterführende Hilfeangebote.

An einem andern Tisch sitzen drei Weise, wahrscheinlich aus dem Morgenland, trinken Tee und plaudern über Herodes und seine Politik.

In der Küche und hinterm Tresen werkeln ein paar Engel. Einer von ihnen war früher im gehobenen Management einer IT-Firma, die andere erzählt von 40 Jahren Sparkasse. „Fürchtet euch nicht!“, summt sie. „Gewalt, Alkohol und Drogen müssen draußen bleiben.“

Unerhört! Diese Hirten

Weihnachten feiern wir, dass Gott bei den Menschen ankommt. Und zwar zuerst bei den Menschen, die auch in unserem Sozialsystem verloren gehen:

Was waren die Hirten anderes als hart arbeitende Arme ohne Dach über dem Kopf? Oder die Weisen: Fremde, die von weit herkommen? Herodes – eine ferne verständnislose Regierung?

Gott zeigt sich im Stall, nicht im Palast, in der Notunterkunft nicht im Hotel. Unerhört! Diese Weihnachtsgeschichte .

Ich war in Schwäbisch Hall wegen des Jubiläums der Schuppachburg und eines Unerhört Forums, das der Träger Erlacher Höhe aus diesem Anlass veranstaltet hat. Das letzte von insgesamt 11 Foren für mich in diesem Jahr: „Unerhört! Diese Obdachlosen“.

Gut hundert Gäste waren der Einladung in die „gute Stube“ von Schwäbisch-Hall, den Saal der vom Unternehmer Reinhold Würth gestifteten Kunsthalle, gefolgt. Auch die BesucherInnen der Schuppachburg.

Es ging wieder ums Zuhören, um die Begegnung. Betroffene kamen zu Wort, Menschen in (gesellschafts-)politischer Verantwortung hörten zu, mussten sich unbequemen Fragen stellen. Ich auch.

Weihnachtswünsche

Weihnachten darf man auch Wünsche äußern: Ich wünsche mir, dass die Impulse, die in unseren Foren gesetzt werden können, Folgen haben:

Dass die Menschen in politischer Verantwortung von den Geschichten, die sie hören, inspiriert werden für eine bessere Politik.
Dass die Armen, die ihre Geschichten preisgeben, erleben, dass sich ihre Situation verbessert.
Und für die Notunterkunft Kelkertor wünsche ich mir ganz konkret, dass sich ihre Finanzierung vereinfacht:

Der bürokratische Aufwand, der notwendig wird, um die 24,99 Euro der öffentlichen Hand für jede Übernachtung auch tatsächlich zu bekommen, ist haarsträubend: Jeder Betrag erfordert eine Einzelabrechnung, drei verschiedenen Sozialgesetzbücher sind zu beachten. Jeder Fall ist anders.

Wie schön wäre es doch, wenn die Einrichtungen seitens der Stadt mit pauschalen Budgets ausgestattet würden, um die Bürokratie zu verringern.

Fürchtet euch nicht

Für mich spielt unsere unerhörte Weihnachtsgeschichte vom Gott, der Mensch wird, in diesem Jahr also in einer Notunterkunft in Schwäbisch Hall. Und wo spielt Ihre Weihnachtsgeschichte? Wo entdecken Sie den Engel, der sagt: „Fürchtet euch nicht!“?

Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr.

Ein Gedanke zu „Unerhört! Diese Weihnachtsgeschichte“

  1. Lieber Herr Lilie,

    dass mich diese unerhörte Weihnachtsgeschichte besonders anspricht wird Sie kaum wundern. Ihnen ganz herzlichen Dank für Ihre wichtige, diakonische Arbeit, für die vielfältige, angenehme Zusammenarbeit und die Art und Weise, in der Sie das Amt füllen.

    Ihnen und Ihrer Familie ein gesegnetes Christfest! Ihr ws

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