Hoffnungsträger in der Altenpflege

Gina Herold ist 21 Jahre alt. Die junge Frau weiß genau, was sie will: In der Altenpflege arbeiten. Ihren Traumberuf hat sie während eines Schulpraktikums kennengelernt. Dennoch hat sie nach dem Abi zunächst begonnen, Lehramt zu studieren. Denn wer Altenpflegerin werden will, muss diese Berufswahl häufig vor Freunden und Bekannten verteidigen.

Auch eine Botschafterin für die Altenpflege: Katharina Gamauf, Pflegedienstleiterin im Alexander-Stift der Diakonie Stetten .  © Diakonie Stetten / Steffen Wilhelm

Aber schon bald wurde ihr klar: „Lehrerin? Das bin doch gar nicht ich. Das erfüllt mich nicht. Alte Menschen pflegen – dafür schlägt mein Herz.“ Das Lehramtsstudium hat sie letztendlich abgebrochen und ist nun im 2. Lehrjahr.

Botschafterin für die Altenpflege

Ich habe Frau Herold bei meinem Besuch im Pflegeheim des Alexander-Stifts in Urbach im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg kennengelernt. Sie ist die perfekte Botschafterin für den Altenpflegeberuf. Das Werbe-T-Shirt mit der Aufschrift: „I Bims 1 Pflegekraft vong Herzen her“ – Jugendsprech für „Ich bin aus ganzen Herzen Pflegekraft“ -, trifft auf sie voll zu. Sie spricht mit Freude von der Arbeit und mit Respekt von den alten Menschen. Auch mit dem Tod hat sie sich schon intensiv auseinandergesetzt, denn auch damit wird man in der Altenpflege natürlich konfrontiert.

Gina Herold kennt auch die negativen Seiten ihres Jobs: das Gehalt, das zwar okay ist, aber besser sein könnte. Das macht sich zum Beispiel bei den Mietkosten bemerkbar. Sie lebt im wohlhabenden Baden-Württemberg, wer hier bei Daimler oder Porsche schafft, verdient weitaus mehr.  Aber das Einkommen sei nicht alles.

Schwierig ist vor allem die dünne Personaldecke in den Pflegereinrichtungen. Werden Kolleginnen krank, müssen die anderen die Arbeit mitmachen, oder es werden Mitarbeitende „aus dem Frei geholt“. Das macht die Freizeit mit der Familie oder Freunden unplanbar und ist häufig ein Grund dafür, dass Pflegekräfte den Job hinschmeißen.

Beruf und Berufung

Wer heute eine Ausbildung in der Altenpflege beginnt, muss schon eine Berufung für diese Tätigkeit spüren. Nicht immer sind die hochbetagten Alten so freundlich wie der 99-Jährige, den ich bei der Sitzgymnastik kennenlerne. Dankbar für diese Abwechslung vom Alltag bewegt er nicht nur begeistert Tücher und Bälle, Arme und Hände, sondern begleitet unsere Weihnachtslieder auf der Mundharmonika. Nachdem mich das Alexander-Stift  kurz vor der Begegnung in einen Alterssimulationsanzug gesteckt hatte, mit dem man sich 20 Jahre älter fühlt, zolle ich dieser Leistung großen Respekt.

Die Politik muss zuhören!

Gina Herold und ich haben eine Idee. Warum nicht Auszubildende aus diakonischen Unternehmen aus ganz Deutschland nach Berlin einladen und ins Gespräch bringen mit der Politik?

Mit dem Bundesgesundheitsminister darüber diskutieren, welche Rahmenbedingungen man verbessern muss, damit der Beruf attraktiv für junge Menschen wird.

Mit der Familienministerin darüber, wie man den Pflegeberuf besser mit der Familie vereinbaren kann? Mit dem Arbeitsminister, welche Schrauben man für eine bessere Bezahlung drehen muss?

Jede Wette, dass die Azubis selbst einige gute Ideen einbringen und bereits erprobte Lösungen aus ihren Betrieben vorstellen wie Dienstplan-Apps, Springer-Modelle, Rückkehrer-Programme. Und auch unsere diakonischen Einrichtungen tun einiges, um Mitarbeitende zu gewinnen und zu halten.

Arbeitgeberin Diakonie

Die „Benefits“ reichen von zusätzlicher Altersvorsorge, vermögenswirksamen Leistungen und Firmenrabatten für den Öffentlichen Nahverkehr über vergünstigtes Mittagessen, Gesundheitskurse, Betriebssport und attraktive Leasing-Konditionen für E-Bikes bis hin zu Plätzen in Kitas, kostenfreie Nutzung von Schwimmbädern und Ferienhäuser zu besonderen Konditionen.

Einrichtungen wie das Alexander-Stift versuchen bei der Dienstplangestaltung Wunscharbeitszeiten zu berücksichtigen und organisieren ein Ausfallmanagement, bei dem kurzfristiges Einspringen mit einem Bonus honoriert wird.

Altenpflege hat Zukunft

Zum evangelischen Profil vieler Einrichtungen gehören Begrüßungsgottesdienst für neue Mitarbeitende, Job-Paten in der Einarbeitungszeit, Fortbildungen und Fachtage zu spirituellen, theologischen und ethischen Fragestellungen, Ethik-Komitees und Palliativ-Arbeitskreise.

Großes Engagement zeigt das Alexander-Stift auch in der Nachwuchsgewinnung. Unter dem Motto „Altenpflege hat Zukunft“ gehen Mitarbeitende auf eine Schultour, stecken Schüler in Alterssimulationsanzüge, schicken sie auf einen Rollator-Parcours und zeigen ihnen mit einer Alters-App, wie sie in 30 Jahren aussehen könnten. Mit Erfolg: in den Einrichtungen des Alexanderstifts sind 60 Azubis tätig.

Hoffnungsträgerinnen

Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Frau Herold in Berlin, sie gehört für mich zu den Hoffnungsträgerinnen in einer älter werdenden Bundesrepublik Deutschland. Und zu den vornehmsten Aufgaben der Politik wie auch der Diakonie gehört, dafür zu sorgen, dass ihre Hoffnungen, die sie mit ihrem Beruf, besser: mit ihrer Berufung, verbindet, nicht enttäuscht werden.

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