Rechtspopulismus in der Diakonie

Besorgte Bürgerinnen und Bürger gibt es auch in der Diakonie – sowohl unter Mitarbeitenden, als auch unter Klientinnen und Klienten: Altenpflegefachkräfte und Oberärztinnen, Werkstattleiter, Pfarrerinnen, Sozialarbeiter und Sachbearbeiterinnen. Menschen, denen die Vielfalt zu viel wird. Die die rasanten Veränderungen, die unsere Gesellschaften durchmachen – Stichwort Digitalisierung –, vor allem als Krise erleben. Die beim Begriff „offene Gesellschaft“ nur an offene Grenzen denken.

Leitlinien: Die neue Broschüre „Umgang mit Rechtspopulismus. Eine Handreichung für die Diakonie“.  © Diakonie Deutschland / Evamaria Bohle

Wir haben auch in unseren Einrichtungen und Angeboten mit Menschen zu tun, die den Männern und Frauen „da oben“ wenig zutrauen und das auch sagen. Die schon lange keine Zeitung mehr lesen – auch nicht online, weil „die Medien“ lügen. Die die Vorteile von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft in der eigenen Nachbarschaft nicht mehr entdecken können. Manche von diesen Menschen radikalisieren sich. Manche verabschieden sich aus der Demokratie durch Nichtbeteiligung.

Hetze und Hakenkreuze

Das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte stellt auch die Wohlfahrtspflege in allen Arbeitsfeldern vor neue Herausforderungen. Beispiele aus der Diakonie: ein Kollege hetzt auf Facebook gegen Flüchtlinge. Eine Erzieherin stößt beim Wickeln eines Kindes auf einen Hakenkreuz-Body. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer werden bedroht. Die Bewohnerin eines Pflegeheims fordert, nur von deutschen Pflegekräften versorgt zu werden. Und Pegida spendet nur für „deutsche“ Obdachlose.

Umgang mit Rechtspopulismus

Wir stellen in dieser Woche in Berlin eine neue Broschüre vor: „Umgang mit Rechtspopulismus. Eine Handreichung für die Diakonie“. Sie soll in unseren 17 Landes- und 67 Fachverbänden, den Trägern und Einrichtungen dabei helfen, denen entschieden und zugleich gelassen zu begegnen, die sich an Provokationen und Tabubrüchen beteiligen. Sie will auch dabei unterstützen, mit Gruppierungen umzugehen, aus deren Reihen die Arbeit des evangelischen Sozialverbandes angegriffen wird – etwa in den Sozialen Medien.

Wir sprechen Empfehlungen aus und zeigen, welche Strategien und Erfahrungen es bereits gibt: Wo sollten wir uns unsererseits davor hüten, mit fertigen Antworten auf bestehende Herausforderungen fast reflexhaft oder rechthaberisch zu reagieren? Wo müssen wir klare Grenzen ziehen, und an welcher Stelle sollten wir gelassen bleiben, um den Populisten nicht in die Hände zu spielen?

Pauschale Antworten gibt es nicht. Diese Handreichung weist eine Richtung und wird regelmäßig weiterentwickelt werden. Wir lernen gemeinsam. Und wir wollen unsere Erfahrungen und bewährte Formen der Auseinandersetzung, des demokratischen Streits und der Argumentation teilen.

Menschenbild der Diakonie

Klar ist, und daran ändert sich nichts: Wir argumentieren und handeln auf christlicher Grundlage. Das ist unsere Basis. Ganz gleich, mit wem wir es zu tun haben. Die Arbeit der Diakonie wurzelt im evangelischen Menschenbild und dem Leitbild einer solidarischen Gesellschaft. Da ist Platz für leidenschaftlichen Streit, auch für Emotionen, aber kein Platz für Hass.

Die Diakonie hilft jedem Menschen, der Hilfe braucht und annehmen möchte – auch dann, wenn er seine Not selbst verschuldet hat. Die Diakonie bleibt Anwältin der Schwachen, ihre Angebote stehen allen Menschen offen, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht, Weltanschauung und Religion.

Daher duldet die Diakonie in ihren Einrichtungen keine Diskriminierung. Sie wendet sich gegen jede Form von Rassismus, Ausgrenzung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Das steht nicht nur auf dem Papier, das will gelebt und bewährt sein – jeden Tag aufs Neue.

Demokratische Werte

Seit der Einzug der Rechtspopulisten in die Parlamente die Maßstäbe und Grenzen des Sagbaren verschoben hat, spüren wir die Notwendigkeit zu klaren Positionierungen noch deutlicher. Populistische Positionen und Meinungsäußerungen kann die Diakonie nicht teilen.

In der Handreichung steht: „Es ist eine Herausforderung, gegen diese Positionen anzugehen, aber den Menschen, der sie äußert, als Menschen zu respektieren und ernst zu nehmen. Ebenso schwierig ist es zu entscheiden, wann, wo und wie Gespräche geführt, Diskussionen abgebrochen oder gar Hausverbote verhängt werden sollen. All das verlangt Klarheit und Standfestigkeit, die aber gelernt werden kann.“

Fragen zum Umgang mit Rechtspopulismus begegnen an vielen Orten: Etwa in der Veranstaltungsplanung – wen lade ich ein, wen nicht, vom wem lasse ich mich einladen? Sie berühren den Umgang mit den gewählten Parlamentsmitgliedern genauso wie Fragen der Personalführung.

Klare Kommunikation

Instrumente sind immer und immer wieder die klare Kommunikation der diakonischen „Unternehmenskultur“, die auch Durchsetzung des Hausrechts oder die freundlichen Ablehnung einer Spende bedeuten kann.
Alles getragen von einem Geist, der zur Versachlichung beiträgt und sich gegen Vereinnahmung und Provokation abgrenzt.

Demokratische Werte und das Eintreten für eine offene Gesellschaft sind heute wichtiger denn je. Auch für unsere Arbeit in der Diakonie. Daraus folgt auch, dass wir im Gespräch bleiben müssen – miteinander, um uns gegenseitig zu unterstützen, aber auch und gerade mit denen, deren Meinungen wir nicht teilen.

Mensch, nicht Meinung

Vor einigen Jahren habe ich eine Diakonie-Postkarte in der Hand gehalten, auf der nebeneinander die Porträts eines Kleinkindes und eines Skinheads abgebildet waren – beide brüllten. Unter dem Porträt des Kleinkindes stand zu lesen: „Wir helfen dir.“ – Und unter dem brüllenden Skinhead: „Wir helfen aber auch dir, wenn du Hilfe brauchst.“ Es gab nur eine kleine Auflage dieser Karte, sie war zu vielen viel zu provokativ.

Ich finde ihre Aussage immer noch wichtig. Denn sie macht auf die Unterscheidung von Mensch und Meinung aufmerksam. Reformatorisch gesprochen: die Unterscheidung von Tat und Täter.

Respekt, Nächstenliebe, auch Feindesliebe, gilt dem Menschen, nicht der Meinung. In der Praxis ist das oft sehr kompliziert, aber hinter diese Einsicht können und wollen wir nicht zurück.

Unerhört! Diese besorgten Bürger

Die Unerhört-Kampagne der Diakonie nimmt mit ihren Plakaten genau diese Komplexität auf: „Unerhört! Diese Migrantenkinder“ und „Unerhört! Diese besorgten Bürger“ sind die neuesten Slogans, die wir gleichzeitig plakatiert haben.

Stellt sich die Diakonie damit auf die Seite der Rassistinnen und Rechtspopulisten? Selbstverständlich nicht. Es geht um die Kunst des Zuhörens, um Aufmerksamkeit auch für die andere Meinung. Unsere Plakate machen darauf aufmerksam, dass es einen Unterschied zwischen Mensch und Meinung gibt.

 

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