Pfingsten geistesgegenwärtig feiern

Gott ist da. Verborgen gegenwärtig. Das ist die biblische Behauptung, an die sich alle Menschen zu Pfingsten erinnern dürfen. In und außerhalb der Kirchen. Weltweit. Das Fest der Geistesgegenwart öffnet Grenzen. Gott findet Worte und Weisen, die alle verstehen können, die hinhören wollen. Davon erzählt die Apostelgeschichte in ihrem zweiten Kapitel.

Pfingsten: „Der Geist weht, wo er will“, und Inspiration findet sich  an überraschenden Orten. © Diakonie/Evamaria Bohle

Kulturelle Unterschiede, Sprachbarrieren, Milieugrenzen werden im Horizont dieser alten Erzählung nebensächlich. Allerdings nicht eingeebnet oder weg assimiliert. Gottes Geist ist keine Gleichmacherin, dafür finden die biblischen Geschichten durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder neue Bilder.

Dialekte der Sehnsucht

Gottes Geist spricht in vielen Sprachen, kennt die Dialekte der menschlichen Sehnsüchte, die lauten und die leisen Fragen und findet überraschende Wege, um sich im Herzen der Menschen, dort wo wir tief empfinden, wo Verstand und Gefühl zuhause sind, bemerkbar zu machen.

Ich mag das Fest der Geistesgegenwart, weil es den Horizont so erfrischend erweitert, ja, herausfordert, „out oft he box“ zu denken.
Mir gefällt auch, dass es so wenig kommerzialisiert ist – anders als die anderen christlichen Hochfeste. Das mag auch daran liegen, dass die Christenheit sich angewöhnt hat, den „Geburtstag der Kirche“ an Pfingsten zu feiern. Ein Insiderfest.

Kein Insiderfest

Das finde ich bedauerlich. Denn „Geburtstag der Kirche“ verführt allein schon sprachlich dazu, zu sehr an die bekannten konkreten Kirchenprobleme zu denken: An sinkende Mitgliedszahlen, besorgte Synoden und müde Kirchenverwaltungen. Oder an diakonische Einrichtungen ohne evangelische Mitarbeitende.

Dabei kennt der Geist Gottes kein konfessionelles Profil. Die „Ruach Elohim“ – findet sich schon in den ersten Sätzen der Bibel. Vor dem Anfang von allem, vor Licht und Welt, weisen die jüdischen Denker auf den Geist Gottes hin, der über „der Urflut“ schwebt. Von diesem schöpferischen Geist der Freiheit dürfen wir uns inspirieren lassen.

Inspirierte Zukunft

Ja, die Kirche in Deutschland verändert sich. Deutschland verändert sich. Viel von dem, was wir noch normal finden, werden unsere Enkelkinder vielleicht nicht mehr kennen. Aber sie werden anderes kennen lernen und weiterdenken, was wir uns nicht vorstellen können. Denn auch wenn die Kirchen kleiner werden, wird der Geist des Gottes ja nicht aufhören, Menschen zu inspirieren.

Er weht, wo er will und wie er will – auch in einer heterogenen, multireligiösen, sozial ungleichen, spätindustriellen Gesellschaft. Daran erinnert Pfingsten. Ein großartiges Versprechen, eine verlässliche und lebendige Basis all unserer Reformbemühungen.

Wolke und Feuersäule

Um Geistesgegenwart und wie sie konkret erlebbar werden kann, geht es auch in dem fesselnden 400-Seiten-Wälzer „Wolke und Feuersäule. Geistliche Begleitung in Kirche und Diakonie – Neubelebung einer alten Praxis der Seelsorge.“ Ich durfte diesen vielperspektivischen, erfahrungsgesättigten Band mit herausgeben. Eine Sammlung, in der theologische Reflexion, individuelle Erfahrungen und zahlreiche Beispiele aus den Handlungsfeldern von Kirche und Diakonie in ein fruchtbares Gespräch gebracht werden.

Das Themenspektrum reicht von der Notfallseelsorge über die Arbeit mit muslimischen Geflüchteten bis zum spirituellen Tourismus, vom Krankenhausbett über die Weiterbildung von Pflegekräften bis zur geistliche Begleitung in Gremienarbeit und Organisationsentwicklung. Immer unter der Überschrift: aus der Praxis für die Praxis.

Praxis für die Praxis

Die Idee zu diesem Projekt entstand während eines Ausbildungskurses „Geistlich Begleiten“ im Kloster Lehnin, dem Geistlichen Zentrum der Evangelischen Kirche Berlin-brandenburgische Oberlausitz. Dort finden seit sechs Jahren regelmäßig Langzeitfortbildungen statt, an denen immer mehr Menschen auch aus medizinischen oder therapeutischen Berufen und anderen Arbeitsfeldern der Diakonie teilnehmen.

Ich sehr hier ein Anzeichen dafür, dass eine neue Suche und eine neue Ausrichtung in der Diakonie begonnen hat.

Ich kann mir gut vorstellen, dass zum Beispiel in großen Krankenhäusern oder in anderen Einrichtungen, in denen Menschen häufig mit den Kontingenz- und Leiderfahrungen des Lebens konfrontiert sind, Formen der Geistlichen Begleitung und der geistlichen Unterbrechung regelhaft ihren Platz finden.

Sie können das „klassische Angebot“ von Gottesdienst und Andacht durch Meditation, Betrachtung oder geistliche Einzelbegleitungen ergänzen. Und zwar für Klientinnen und Klienten wie für Mitarbeitende.

Geistesgegenwärtig leben

Damit mehr Menschen lernen geistesgegenwärtig zu leben und zu glauben und erleben können, dass Gott verborgen gegenwärtig da ist. Immer.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und inspirierendes Pfingstfest!

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