Digitale Inklusion – ein Pilotprojekt

Digitale Inklusion – wie das gehen kann, hat auf dem Kirchentag die Evangelische Stiftung Hephata aus Mönchengladbach vorgemacht. Im Forum Diakonie stellte sie das im Mai neu gestartete inklusive Social Media-Team mit einem hippen Stand in kreativer WG-Wohnzimmer-Start-Up-Atmosphäre vor.

Digitale Inklusion auf dem Kirchentag: Im Gespräch mit Social Media-Reporter Philipp Fuchs. An der Kamera: Simon Roehlen.© Diakonie/Christian Oelschlägel.

Mein Interview mit Philipp Fuchs, einem der frisch ausgebildeten Social Media-Reporter, drehte sich um digitale Chancen und Gefahren, notwendige Fortschritte auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft und seine digitalen Pläne.

Gefilmt und fotografiert hat uns dabei der Social Media-Manager aus dem Profi-Team, Simon Roehlen. Wenn der nicht gerade auf der Bühne zu tun hatte, war er als eine Art rasender Rollstuhl-Reporter in der Halle unterwegs. Frei nach seinem Motto: „behindert-so what“. Philipp Fuchs und Simon Roehlen – zwei sehr coole Digital Natives.

Geht nicht, gibt’s nicht

Diese jungen Persönlichkeiten und solche Projekte zeigen: Geht nicht, gibt’s nicht! Wo noch kein Weg ist, muss man eben ein Studio und ein Konzept bauen. Wo es noch keine Erfahrungen gibt, muss man welche sammeln. Selbstverständlich im besten Wortsinn und zielstrebig ist Hephata unterwegs in Sachen digitaler Inklusion:

Seit Anfang Mai werden acht Menschen mit Handicap von einem Kommunikationsteam fachlich angeleitet und für ihre anschließende Arbeit auf den Social Media-Plattformen fit gemacht. Bis Oktober sollen weitere 25 digitale RedakteurInnen aus unterschiedlichen Werkstätten und Arbeitsbereichen dazu kommen.

Der Kirchentag war die erste große Bewährungsprobe für drei der Teilnehmenden, die ihre neu erworbenen Fähigkeiten in Dortmund als Kameraleute und Reporter anwenden konnten. Dazu gehörten beispielsweise Interviews mit Robert Habeck, dem Vorsitzenden der Grünen, der Moderatorin Claudia Kleinert oder der Youtuberin Jana Riva.

Digital sozial

Künftig sollen so gecoachte Mitarbeitende der Werkstätten über „ihre“ Stiftung und sich selbst berichten: ihren Alltag, ihre Forderungen an die Gesellschaft und was ihnen sonst auf den Nägeln brennt.

Gemeinsam mit drei Kommunikations- und Social Media-Profis sollen sie authentische und hochqualitative Beiträge für die unterschiedlichen Plattformen von Hephata erstellen. Das erste Interview mit dem Landtagsabgeordneten Jochen Klenner (CDU) steht schon online.

So wird das Bild der Stiftung im Internet an Diversität gewinnen, aber auch das Internet. Zunächst auf Youtube, Facebook, Instagram und Twitter. Und hoffentlich auch in den Köpfen des Publikums. Denn es wird eben nicht mehr nur „über“ Menschen mit Behinderung berichtet, sondern von und mit ihnen. Das hat eine ganz andere Qualität und wird das Themenspektrum erweitern, neue Geschichten und Gesichter nach vorne bringen.

Eigentlich bestürzend, dass es sich um ein einzigartiges Pilotprojekt in der Behindertenhilfe handelt. Es sei das erste Mal, so erzählten die Beteiligten, dass Menschen mit Behinderung den Auftritt ihrer Organisation in den Online Medien übernähmen. Viel zu spät. Ich hoffe sehr, dass das gute Beispiel Schule macht. Bei Hephata, die in diesem Jahr das 160-jährige Jubiläum feiert,  ist es erstmal auf drei Jahre angelegt. Die wissenschaftliche Begleitung übernimmt die Macromedia Hochschule zur Gestaltung des Digitalen Wandels.

Behindert – so what?

Danach sollte es unbedingt weitergehen: Denn Menschen mit Beeinträchtigung haben Interessen und Fragen, Sehnsüchte und Ansichten wie jeder andere auch. Und sie sammeln Lebenserfahrungen, die eine Sicht auf die Welt und die Gesellschaft ermöglichen, die zur Vielfalt in unserem Land gehört. Diese Vielfalt im Netz sichtbar und hörbar zu machen – auch das ist Inklusion. Sie erfordert auch hier Geduld, Zutrauen, den Aufbau von Kompetenzen und eine verlässliche Begleitung.

Damit das gelingt, damit die digitale Kompetenz sich ausbreiten kann, soll das inklusive Social Media-Team auch beraten und andere Menschen mit Behinderung bei der Nutzung von Sozialen Medien unterstützen: Inklusion mit Zukunft in einer Gesellschaft 4.0. Damit immer mehr Menschen in die Lage versetzt werden, ihre Erfahrungen und Meinungen auch im Netz hörbar zu machen. Und ihre Beiträge zu posten und zu streamen.

Gestern erst ist im Youtube-Kanal und auf Facebook das sehr beeindruckendes Musikvideo von Jasmin Müller online gegangen, die ihre schlimmen Erfahrungen in einer Pflegefamilie thematisiert.

Im Wandel

Ich bin froh, dass ich miterleben kann, wie sich die Arbeit mit Behinderten wandelt. Wie die Interessen der Individuen und ihr Recht auf Selbstbestimmung in den Mittelpunkt gestellt werden. Es ist gut, dass die Zeit der großen Anstalten und Einrichtungen vorbei ist, dass sich nicht nur in der Diakonie die Einrichtungen verändern, dass nach Wegen gesucht wird, die Menschen in die größtmögliche Selbstständigkeit zu begleiten – in die Gesellschaft hinein.

Facetten der Inklusion

Inklusion hat so viele Facetten – die Teilhabe an der Digitalisierung gehört zentral dazu. Philipp Fuchs, der alleine wohnt und in einem Hephata-Betrieb arbeitet, wird ganz sicher ein klasse Redakteur werden und seine Beiträge eine Bereicherung für das Netz. Es war mir eine Freude, dass ich mich davon auf dem Kirchentag überzeugen konnte!

Ein Gedanke zu „Digitale Inklusion – ein Pilotprojekt“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.