Netzwerk Diakonie

Was ist das Evangelische an der Digitalisierung? Solche Fragen gibt es in der Diakonie. Sie brauchen eine Antwort. Fakt ist: Die Digitalisierung verändert auch die Diakonie. Tiefgreifend. In den Beratungsstellen, an den Krankenbetten, in jedem Büro, in unserer Kommunikation und allen Organisationsabläufen.
Mit der ganzen Gesellschaft befinden wir uns in einem irreversiblen, unübersichtlich-rasanten Transformationsprozess, den wir auch in der Diakonie zu verstehen und zu gestalten haben.

Gemeinsam nach digitalen Lösungen suchen: Daniel Hofmann (Johanniter-Unfall-Hilfe), Jürgen Pelzer (Diakonisches Werk Bayern), Amanda Lindner (Diakonie Deutschland) und Claudia Möller (Agaplesion) im Gespräch. © Anieke Becker / Diakonie Deutschland

 

Wir können und wollen ihn kritisch begleiten – entziehen können wir uns diesem Prozess nicht, in keinem unserer Arbeitsbereiche. Jedenfalls nicht, wenn wir als kleiner werdende evangelische Kirche mit Gestaltungskraft in einer multireligiösen und gleichzeitig säkulareren Gesellschaft auch in Zukunft unsere soziale Arbeit leisten wollen.

Den Anschluss nicht verlieren

Es geht um weit mehr als nur um computergestützte Automatisierung, das Internet und neue Kommunikationsformen. Es geht auch darum, einer neuen sozialen Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken: in Menschen, die am digitalen Aufbruch Anteil haben und andere, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mitkommen und auf der Strecke bleiben.

Und es geht auch um uns selbst. Darum, den Anschluss nicht zu verlieren: weder an die ethischen und politischen Diskurse, die wir beeinflussen wollen, noch an die Menschen, für die wir auch in Zukunft da sein wollen.

Auch darum muss sich die Diakonie dringend mit der Frage beschäftigen, wie wir im Gesamtverband zukünftig miteinander arbeiten wollen: Bundesverband, Landes- und Fachverbände, Träger und Einrichtungen. Schnell, kooperativ, flexibel, kompetent und an den Bedürfnissen unserer „Kundinnen und Kunden“ orientiert. Ein leicht zu findendes, erkennbares und starkes „Netzwerk Diakonie“ mit Anderen wollen wir sein, geknüpft aus unzähligen kleinen lokalen Netzwerken vor Ort.

Lernprozess Digitalisierung

Ich bin froh, dass diese Lernprozesse der Digitalisierung jetzt quer durch alle diakonischen Standorte, Arbeitsbereiche und Hierarchieebenen an Fahrt gewinnen – auch in Form von Projekten, Tagungen und Konferenzen zur Digitalisierung. Wir brauchen diesen Austausch, der die Grenzen von Gremien und Verbänden oft überschreitet, um die Arbeit in unseren Gremien und Verbänden zu dynamisieren und neu zu verknüpfen. Das belebt die mitunter zu behördliche Struktur, unter deren Schwerfälligkeit wir alle leiden.

Dabei wird entscheidend sein, dass die Neuerungen, zu denen wir uns entschließen, für die Nutzerinnen und Nutzer einen zeitnahen sichtbaren und nachvollziehbaren Mehrwert bilden. Also nicht nur für die Organisation, sondern auch für die Menschen, mit und für die wir arbeiten, ihre Perspektive gilt es einzunehmen.

Parallelstrukturen vermeiden

Für die Diakonie wird es von zukunftsentscheidender Bedeutung sein, wie es uns gelingt, die vielen digitalen Aufbrüche in unseren Reihen miteinander zu vernetzen, uns auszutauschen, Wissen und Strategien zu teilen. Hier stehen Entscheidungen und wegweisende Abstimmungen an.

Es wäre fatal, wenn es im Netzwerk Diakonie zu digitalen Parallelstrukturen oder inkompatiblen Hard- und Softwareentscheidungen käme. Oder wenn neue Konkurrenzen entstünden, wo wir mit kooperativen Modellen und geteilten Möglichkeiten viel weiterkämen. Stichwort: Plattformökonomie.

Flink, agil, experimentierfreudig

Zentral kontrollieren lässt sich ein Netzwerk nicht und steuern wohl nur in Grenzen. Und auch der Weg zum Netzwerk entsteht im Gehen. Unser Verband soll flinker, agiler werden, vor Ort experimentierfreudiger, Verantwortung delegieren, sich schneller austauschen können, zwischen den Einrichtungen, auch über Landes-, Verbandsgrenzen hinweg, kooperationsfähiger werden – und doch als gemeinsames Netz erkennbar sein.

Deswegen ist die „Visibility“, die Sichtbarkeit und die Auffindbarkeit unserer vielen Standorte und Einrichtungen im Internet, so wichtig. Und darum wird es auch spielentscheidend sein, wie wir am Ende der Prozesse gemeinsam auf ein vergleichbares und kompatibles Level kommen – technisch, arbeitsorganisatorisch, kulturell. Damit wir als Diakonie gemeinsam wirksam und sprachfähig bleiben.

Impulse für den Gesamtverband

Zwei Impulse auf dem Weg zur Vernetzung im Gesamtverband haben wir in den vergangenen zehn Tagen mit zwei weiteren Veranstaltungen in Berlin gesetzt: dem „Netzwerk der Digitalisierer*innen in der Diakonie“ – mit über 80 Teilnehmer*innen und 100 auf der Warteliste und einem Workshop mit dem Titel „Für die Zukunft der Diakonie in Deutschland. Wie gestalten wir ein starkes Netzwerk?“ – ein Projekt im Auftrag des Ausschusses Diakonie.

Noch auf Papier: Aber die gemeinsame Arbeit am Netzwerk Diakonie nimmt Fahrt auf.  ©Diakonie Deutschland

Hier dachten 30 Vertreterinnen und Vertreter aus Landes- und Fachverbänden, aus Einrichtungen und großen Trägern – Vorstände, Kommunikationsfachleute, Führungskräfte – gemeinsam anderthalb Tage über Zweck, Ziel, Struktur eines neuen Netzwerks Diakonie nach; sprachen über technische Fragen, Informationsfluss und Transparenz, darüber was wir brauchen, um überhaupt netzwerken zu können, und über die Frage, mit welcher Identität wir nach außen auftreten wollen.

Alles ist im Fluss

Nichts ist fertig nach diesen Workshops und alles ist im Fluss. Aber es wurden wertvolle Anregungen gesammelt. Jetzt geht es darum die Ressourcen zu organisieren, zu priorisieren und gemeinsam die weiteren Schritte zu bestimmen. Es werden viele erste Schritte an vielen Orten sein – denn das Netzwerk Diakonie ist ja eben nicht Sache des Bundesverbandes, es wird aus vielen kleineren Netzwerken geknüpft werden.

Überall, wo ich über diese Themen sprechen, gibt es ambivalente Gefühle – Aufbruchstimmung, kühne Ideen, aber auch Ängste vor zu rascher und tiefgreifender Veränderung und Skepsis werden laut. Das gehört zu gesellschaftlichen Transformationen dazu und alles das findet sich auch bei uns.

Diakonie. Mit dir

Und was ist letztlich nun das Evangelische an der Digitalisierung in der Diakonie?

Beim „Netzwerk der Digitalisierer*innen“ machte ein Kollege darauf aufmerksam, dass jede Zeit ihre Kommunikationsmittel hat: Der blinde Bartimäus im Markusevangelium schrie laut, um Hilfe zu bekommen. Welche Kanäle nutzen die Menschen heute, um die Hilfe zu finden, die sie brauchen?

Die Diakonie muss da sein und erreichbar sein, wo die Menschen heute sind. „Diakonie. Mit dir.“ Diese Haltung bleibt unser Markenzeichen auch im digitalen Zeitalter.