Unterm Rettungsschirm

Was für eine Woche. Sie wird in vieler Hinsicht vieles verändern.
Vor sieben Tage sah es noch so aus, als ließe man die gemeinnützigen Träger und Einrichtungen, die Beratungsstellen, Pflegeheime, Werkstätten und Krankenhäuser ungebremst in die Insolvenz fahren. Mitten in der Krise. Kein Platz unter dem Corona-Rettungsschirm.

Erfreulicher Weise hat sich die Lage binnen einer Woche verändert: die Zusage, die Freie Wohlfahrt mit einer Garantie von 75 Prozent ihrer durchschnittlichen monatlichen Einnahmen mit unter den Schutzschirm zu nehmen, ist ein wirklich positives Signal. Es wird dabei helfen, sehr viele Einrichtungen am Leben zu halten.

Ein Kollaps der sozialen Infrastruktur in Zeiten der Pandemie mit weitreichenden Folgen für die Zukunft konnte abgewendet werden.

Im Kontakt bleiben trotz Krise: Der Konferenzraum für die täglichen Video-Schalten bei Diakonie Deutschland in Berlin. Bild: Ulrich Lilie

Auch für die Rehakliniken mit den Angeboten für alte oder suchtkranke Menschen, für die psychosomatischen und neurologischen Maßnahmen und die Vater-Mutter-Kind-Kuren wird es absehbar eine Perspektive geben. Im gerade beschlossenen Milliardenpaket bleiben sie noch unerwähnt, aber die Gespräche über ein Nachbesserungsgesetz laufen schon.

Problembewusstsein geweckt

Problembewusstsein ist sowohl in den Bundeministerien als auch im Parlament geweckt. Viele, auch in den Ministerien, leisten hier aktuell Großartiges. Herzlichen Dank Ihnen allen! Und wir setzen natürlich darauf und werden uns dafür einsetzen, dass auch an anderer Stelle nachgebessert wird, falls sich abzeichnet, dass mehr oder anderes nötig ist, um wirtschaftliche Schäden oder andere schwere Folgen der Krise abzufedern.

Im Gegenzug haben wir als Verbände der Freien Wohlfahrt zugesagt, mit unseren Einrichtungen und Möglichkeiten bereit zu stehen und das Bestmögliche zu tun, um den sozialen Zusammenhalt und die medizinische und pflegerische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Das ist jetzt unser selbstverständlicher Beitrag zum Gemeinwohl.

In Krisenkommunikation

Wir haben in den vergangenen Wochen viel Zeit in Videoschalten, Telefonaten und Telefonkonferenzen verbracht – im Gesamtverband, in der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) und in die Politik hinein. Haben zugehört und diskutiert, Vorschläge gemacht, Einschätzungen gegeben, Warnungen ausgesprochen. Auch das alles geschieht mit viel Engagement und Sachkunde.

Und während wir mit dieser Lobbyarbeit im Interesse der Allgemeinheit auf Bundesebene beschäftigt waren, sind die Corona-Zahlen auch in Deutschland weiter gestiegen, hat sich die Pandemie-Lage im europäischen Ausland, im Rest der Welt weiter zu gespitzt: die Ausgangsbeschränkungen, das Abstandsgebot, die Schließungen und Absagen, die Anforderungen an Hygiene. Und all die wichtigen Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, haben Folgen in unser aller Alltag und natürlich in alle Arbeitsbereiche der Diakonie. Jeden Tag tun sich andere Problemfelder auf und verändern die Verhandlungssituation.

Doppelte Not

Nur ein paar Beispiele möchte ich nennen: Die Tafeln waren wohl mit die ersten, die ihre gewohnte Arbeit einstellen mussten, weil die Spenden ausblieben. In der Folge: Die doppelte Not der Menschen, die mit ihrem kleinen Portemonnaie auf die Tafeln angewiesen sind. Inzwischen packen Studierende in den Magazinen der Tafeln jetzt Care-Pakete und bringen diese zu den bedürftigen Menschen.

Aber es bleiben genug noch ungelöste Fragen: die Arbeit mit den Wohnungslosen – wie geht sie weiter, wenn Tageseinrichtungen und Suppenküchen nicht mehr arbeiten können? Was tun Beratungsstellen, die in kürzester Zeit ihre Onlinekapazitäten ausweiten müssen? Wie geht das überhaupt Sozialberatung in einer Notlage ohne Kontakt?

Was passiert eigentlich mit Akademien und Bildungshäusern, die ihre Seminare absagen müssen?

Pflegen ohne Schutz

Und immer wieder die Situation der Pflegekräfte, von denen wir doch ohnehin viel zu wenig haben, und die schon ohne Covid-19 unter oft schwierigen Bedingungen arbeiten. Wie viel wird gerade von ihnen verlangt: Nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in den Seniorenwohnheimen oder der ambulanten Betreuung.

Ihre Arbeit bedingt, dass sie den gebotenen Abstand zur den ihnen Anvertrauten nicht immer einhalten können – und es fehlen Schutzkleidung, Masken, Desinfektionsmittel allerorten. Hier besteht allerhöchster Handlungsbedarf. Aktuell organisieren wir über den Bundesverband mit den Landesverbänden selbst Bestellungen von notwendigem Material.

Pragmatismus und Zusammenarbeit

Die Probleme reißen nicht ab, die uns aus dem Gesamtverband erreichen. Und das wird auch eine Weile so bleiben. Was für eine Zeit! Sie fordert viel Pragmatismus und fördert ungeahnte und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Was mich in diesen herausfordernden und unsicheren Zeiten bei allem Erschreckendem und Unzureichendem zum Staunen bringt, ist die unfassbare Kreativität und Flexibilität, die ich erlebe. Der unermüdliche Einsatz auf allen Ebenen in der Diakonie, das Vertrauen, das wir zueinander und zu unseren Netzwerken haben und auch haben können. Ich freue mich, über die Verlässlichkeit, aber auch über die hohe Bereitschaft, Neues auszuprobieren und unkonventionelle Wege zu gehen.

Das sind gute Erfahrungen – im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung, das auch mit derzeit über 700 Mitarbeitenden im Homeoffice arbeitsfähig bleibt, in den Krisenstäben von Diakonie Deutschland und im Gesamtverband und auch in der konstruktiven Zusammenarbeit mit der Sozialwirtschaft. Es ist ein großes Wir. Ich finde das nicht selbstverständlich.

Das Rettende wächst

Auch deswegen habe ich bei einer der Videoschalten im Verband in der zurückliegenden Woche den Dichter Friedrich Hölderlin zitiert. Sein 250. Geburtstag rundete sich am vergangenen Freitag und ein Kalenderblatt hat mich an einen wunderbaren Vers von ihm erinnert: „Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Bleiben Sie behütet.

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