Corona – das Digitalisierungsvirus

Permanenter Wandel und Digitalisierung kennzeichnen unserer Zeit. Beide Phänomene fordern die Gesellschaft in allen Lebensbereichen heraus und ziehen radikale Veränderungen nach sich. Aber vor Corona schien es noch möglich, diese Anforderungen auszublenden und einfach weiter zu machen wie bisher. Das geht jetzt nicht mehr. Mit dem Lockdown ist die Digitalisierung mit Wucht in unsere Arbeitswelt eingebrochen, und ich halte das für eine glückliche Wendung: Corona wirkt als ein Digitalisierungsvirus.

Neuer dezentraler Arbeitsalltag bei Diakonie Deutschland: Teambesprechung in der Videoschalte. Foto: Kathrin Klinkusch/Diakonie

Gesellschaftlicher Großversuch

Seit Mitte März zwingt uns die Pandemie jetzt schon in einen gesellschaftlichen Großversuch. Auch die Arbeitsprozesse verändern sich im großen Stil: Vertrautes wird in Frage gestellt und das Spiel mit den Möglichkeiten (und Grenzen) der Digitalisierung eröffnet auch im zunächst unfreiwilligen Homeoffice Spielräume, die wir nach der Krise unbedingt offenhalten sollten. Mitten in diesen schwierigen Zeiten erleben wir einen unerwarteten Innovationsschub.

Auch im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) sammeln wir gerade gezwungenermaßen Erfahrungen mit digitalen Tools und erlernen schnell neue Formen von Arbeitsorganisation und dezentraler Zusammenarbeit. Das heißt auch: Wir trennen uns in bisher nicht gekannter Geschwindigkeit von alten Gewohnheiten, machen Erfahrungen mit Unsicherheit und Improvisation, hinterfragen ungesunden Perfektionismus zugunsten von Praktikabilität und entdecken miteinander, dass die Ergebnisse doch meist sehr brauchbar sind.

In Bewegung geraten

Etwas ist in Bewegung greaten – in unseren Köpfen und in unserer Organisation. Eine neue Arbeitswelt gewinnt Kontur, viel schneller als wir gedacht und geplant hatten. Und das trotz stockender Videokonferenzen, langsamer Server und einfrierender Bilder, weil die Nachbarn wieder Serien streamen. Deutschland ist eben doch noch nicht das Land der digitalen Chancen, wie die unzureichenden Netzkapazitäten jeden Tag belegen.

Aktuell ist die Lernkurve für alle steil. Nicht nur in der Politik. Auch für die Mitarbeitenden in den Unternehmen und Verbänden, genau wie für Führungskräfte. Führen auf Distanz und digital vom nüchternen Bildschirm aus, das zeigt die Erfahrung der vergangenen Wochen, stellt andere Anforderungen an Kommunikationsverhalten und Wahrnehmungsfähigkeit.

Auf Dauer stellen

Es braucht Fortbildung und strukturierten Austausch, wenn das erfolgreich auf Dauer gestellt werden soll. Derzeit lernen wir alle “on the Job”. Doch gerade die mit der gemeinsamen Lernerfahrung verknüpfte allgemeine Verunsicherung verbindet auch und weckt Entdeckergeist – über Hierarchieebenen hinweg. Wir lernen im selben Netzwerk, aber mit unterschiedlichen Kompetenzen und Erfahrungen. “Digital Natives” sind jetzt klar im Vorteil.

Zu den technischen Fragen treten die kulturellen. Auch Führungskultur ist ein Thema. Die wichtigste Basis für die Arbeit im Homeoffice ist wechselseitiges Vertrauen. Das schon immer falsche Mantra, dass pure Anwesenheit allein das Engagement der Mitarbeitenden gewährleitstet, wird in einer digitalisierten Arbeitswelt endgültig als unsinnig entlarvt. Stattdessen braucht es klare Arbeitsaufträge mit realistischem Zeithorizont und persönlicher Gestaltungsfreiheit. Wie Mitarbeitende die gesetzten Ziele und Termine erreichen, sollen und können sie selbst verantworten.

Es geht nicht darum, nun die Arbeitszeit am Rechner zuhause abzusitzen. Erreichbarkeit sollte zu bestimmten und verabredeten Zeiten gewährleistet sein. In jedem Fall stützt ein selbstgewählter und notwendig bleibenderLebensrhythmus psychische Stabilität und Gesundheit. Aber die eine arbeitet konzentriert mehrere Stunden am Stück, der andere verteilt sein Pensum in kleine Portionen über den Tag.

Vertrauen zählt

Allein auf das Ergebnis kommt es an. Das zu respektieren und durch verlässliche Absprachen auch zu ermöglichen, zeichnet sich als eine wichtige Führungsaufgabe ab.

Gleichzeitig brauchen auch dezentral arbeitende Teams, die auf den Plausch in der Bürotür oder das freundliche Nicken auf dem Flur verzichten müssen, neue gemeinsame digitale Gewohnheiten – nicht nur aufgabenbezogen, sondern auch sozial. Das kann die informelle gemeinsame Kaffeepause per Videokonferenz sein, die telefonische Frage nach dem Befinden oder ein morgendlicher Gruß im Chat.

Mit Sicherheit kann eine angemessene Mischung aus Homeoffice, digitalen Konferenzen und Besprechungen sowie Präsenzbetrieb neue Freiheitsräume eröffnen – auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch das lehren die Erfahrungen des Lockdowns.

Nicht zuletzt ist ein solcher Mix nachhaltig, erspart unnötige Fahrten und dient dem Klimaschutz. Er kann helfen, Lebensqualität zu erhöhen, die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung zu verwirklichen und bedeutet auch für angestellt Beschäftigte mehr Freiheit und Verantwortung im Arbeitsleben.

Digitales Trainingslager

Interessant finde ich, wie durch dieses unfreiwillige digitale Trainingslager auch “arbeitskulturell” einiges in Bewegung gerät: Wir verabschieden uns von langfristigen Planungshorizonten, und offensichtlich geht die Arbeit trotzdem weiter. Wir beginnen mehr in zu verbessernden Prototypen zu denken und weniger an der Perfektionierung von scheinbar zukunftsfesten Konzepten zu feilen. Wir sparen Papier und fragen uns, wer das vorher eigentlich alles gelesen hat?

Wir werden insgesamt wendiger, selbstverständlicher mit “Try and Error”, entwickeln eine höhere Fehlertoleranz, werden souveräner im Umgang mit technischen Pannen und üben uns in Vertrauen, Geduld und Rücksichtnahme. Iterative Vorgehensweisen entwickeln sich fast durch die Hintertür. Und all das ist ja lange überfällig, angesichts des rasanten gesellschaftlichen Wandels, mit dem wir ohnehin lernen müssen zu leben.

Gleichzeitig werden andere altvertraute Probleme, die vernachlässigt wurden, in der Krise neu sichtbar: Die Fragen von Vereinbarkeit von Familie und Beruf treten im Homeoffice anders in den Vordergrund, obwohl das Homeoffice auch neue Lösungen für diese Fragen bietet.

Digitale Teilhabe sichern

Oder: Die unterschiedliche Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Technik. Es gibt auch innerhalb unserer Teams „Digital Gaps“, die es zu schließen gilt. Es ist wichtig, daran zu arbeiten, dass hier niemand zurückbleibt – wie in der digitaler werdenden Gesellschaft überhaupt.

Digitalisierung, auch das wurde in den vergangenen Wochen überdeutlich, ist keineswegs nur ein technisches, sondern ein soziales Phänomen. Digital zu verarmen, also nicht teilhaben zu können, ist in einer digitalen Gesellschaft hochriskant. Einen Computer oder ein Smartphone zu besitzen, Zugang zu schnellem Internet zu haben – das ist nicht „nice to have“ – das ist heute eine Grundvoraussetzung für Teilhabe.

Ob in oder nach der Krise: Es gibt aktuell viel zu verstehen und neu zu lernen. Die Pandemie hat uns im EWDE, in Deutschland in die digitalisierte Arbeitswelt hinein katapultiert.

Lehren der Lockdown-Labour

Jetzt geht es darum, aus den Homeoffice-Erfahrungen und der “Lockdown-Labour” die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Für eine neue Normalität unseres Arbeitens und Lebens: mit mehr Lebensqualität und attraktiven und wirksameren Arbeitsprozessen in unserer sich rasant digitalisierenden Welt des Wandels.

Bleiben Sie behütet.

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Corona – das Digitalisierungsvirus“

  1. Sehr geehrter Herr Lilie,
    vielleicht bin ich hier falsch, dann digitalisieren Sie meinen Kommentar gleich am besten weg.
    Haben Sie gestern den Gottesdienst im ZDF gehalten?
    Ich gehe gleich in medias res: Mich ärgert es, dass bei den Corona-Opfern so gut wie nie die Menschen erwähnt werden, die in Pflegeheimen etc. untergebracht sind, nichts mehr äußern können, nicht reden können etc. . Die schauen dann tagtäglich an die Decke und warten auf den Tod, fast total isoliert, allein mit ihren kreisenden Gedanken, ihrer Angst, stundenlang… sie können sich oft nicht bewegen, telefonieren oder sich an einen Tisch setzen. Wie in Gefängnissen in der Isolationshaft, wofür es ja aber wenigstens Rechtsanwälte gibt. Ich weiß, wovon ich rede. Meine beiden Geschwister sind vor ein paar Tagen “Corona-frei” in Pflegeheimen gestorben. Wieviele sterben, weil sie isoliert sind und kaum noch Kontakt haben, vielleicht bei wechselnden Pflegern, deren Namen sie kaum kennen..
    Vielleicht denken Sie mal daran in der nächsten Corona-Predigt. Wer sich hier was ausdenkt, der ist ein Held.

    Schon in normalen Zeiten wird für Alte zu wenig getan! Leider merken das die Menschen erst, wenn sie selber alt sind und nichts mehr zu sagen haben. Auch Spenden, fast immer nur für Kinder… Alte sollten genauso bedacht werden. Die Würde der Alten …- gibt es sowas überhaupt? Kinder sind auch für die Familienministerin immer das eine Thema.
    Die Kinder freuen sich sicher darüber, zu sehen, wie das ist, wenn sie mal alt sind??!! Sich auf das Alter freuen zu können, das ist kein Gedanke unserer Gesellschaft.
    Hier hätte man einen Plan entwickeln müssen. Nicht nur für Kitas. Die haben immerhin Fürsprecher, und wir hören darüber täglich zig’ mal.
    Ich war allein erziehend und spreche trotzdem davon!
    Alles läuft dem Mainstream nach, wie in gewissen früheren Zeiten. Es ist schon wieder interessant, wie der entsteht.

    1. Sehr geehrte Frau Bultmann,
      herzlichen Dank für Ihren Kommentar als Echo auf den ZDF-Fernsehgottesdienst vom 17. Mai, bei dem es um die Macht der guten Geschichten ging und den Dank an die Alltagsheld*innen in der Corona-Krise. Ich erläutere das hier nochmal, weil ja nicht jeder, der unseren Mailwechsel liest, weiß, worauf Sie sich beziehen. Sie sprechen mir mit Ihren Anregungen aus der Seele. Im Gottesdienst kamen die alten Menschen nicht vor, aber gerade in den vergangenen Wochen habe ich hier im Blog viel über die Würde der alten Menschen geschrieben und mich sehr massiv dafür eingesetzt, dass ihre Rechte nicht übergangen werden dürfen. Auch in anderen Kontexten rede ich immer wieder darüber, dass, wer über “die Alten” spricht, auch immer über sich selber spricht. Wir alle werden – so Gott will – alt und müssen sterben.
      Es muss schrecklich für Sie sein, in dieser schwierigen Zeit zwei Geschwister verloren zu haben. Erlauben Sie mir, Ihnen mein Beileid auszusprechen.
      Und bitte bleiben Sie wachsam und hören nicht auf, sich für die Würde der alten Menschen einzusetzen.
      Bleiben Sie behütet, Ihr Ulrich Lilie.

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