„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“

Kurz nach dem Beginn der Parlamentsferien haben nun auch die Sommerferien in Berlin begonnen. Die Stadt verändert dann jedes Jahr schlagartig ihr Gesicht, nach dichten Wochen voller Debatten, letzten Abstimmungen, Sommerfesten und Empfängen kommen alle diese Aktivitäten, die Beratungen und Entscheidungen im politischen Berlin an ihr vorläufiges Ende und eine besondere sommerliche Ruhe legt sich über die Stadt mit deutlich leereren Straßen und S-Bahnen. Ich habe mich in der vergangenen Woche noch sehr darüber gefreut, dass der Deutsche Bundestag den Weg für eine wirksame Suizid-Prävention frei gemacht hat. Das ist genau das, was wir zunächst brauchen, mit vielen Fachgesellschaften haben wir uns wieder und wieder für den dringend notwendigen Ausbau der Prävention und der palliativen Versorgung eingesetzt.

Auch ich werde meine wöchentlichen Blogs für die Dauer der Ferien aussetzen. Und ich verspreche, keine Urlaubsfotos zu posten. Aber ich möchte mich nicht ohne ein Lied in den Sommerurlaub verabschieden. Ein Lied, das mit der Sommerzeit auf immer verbunden ist: Paul Gerhardts Lied: „Geh aus mein Herz und suche Freud.“

Viele seiner Lieder, sind untrennbar mit dem deutschen Sprachraum verbunden. Eines aber hat es in den Rang eines wirklichen Volkslieds geschafft und gehört zu den „TOP 3“ der hierzulande bekannten und gesungenen Lieder: „Geh aus mein Herz und suche Freud“.

Viele von uns fahren in diesem Jahr eher mit gemischten Gefühlen in den Sommerurlaub. Viele Menschen spüren ganz handfest und im Portemonnaie, dass wir uns gegenwärtig in einer permanenten Krise befinden. Die COVID-Pandemie und ihre physischen und psychischen Langzeitfolgen, der spürbare Klimawandel und die Kriege und bewaffneten Konflikte, in der Ukraine, im Jemen oder im Sudan legen sich bei vielen wie ein Schatten auf die Seele. Sommerliche Unbeschwertheit will sich nur selten einstellen. Dabei vergessen wir häufig, dass die Lebensumstände in anderen Zeiten mitnichten einfacher gewesen sind. Ob im 20. Jahrhundert nach seinen furchtbaren beiden Weltkriegen, dem Nazi-Terror und der Shoa, nach dem Erdbeben von Lissabon oder eben im 17. Jahrhundert eines Paul Gerhardt.

Historiker:innen sprechen von seinen Lebzeiten vom „Dreißigjährigen Krieg“: ganze Landstriche wurden völlig verwüstet und entvölkert, so auch Paul Gerhardts Heimatstadt Gräfenhainichen.

© EMSZ/Jens Schulze

Und als wäre das nicht genug: Zeitgleich wütete die Pest, etwa 1636/1637 in seiner Universitätsstadt Wittenberg. Und in Berlin, dessen Bevölkerung in diesen Jahren von 12.000 auf 5.000 Menschen sank, grassierten neben der Pest noch Pocken und Bakterienruhr. Komplexe Krisen sind leider nichts Neues in der Menschheitsgeschichte

Und mitten in dieser furchtbaren Zeit der Kriege und Seuchen dichtet Paul Gerhardt seine Kirchenlieder. Das Erstaunlichste daran ist, dass seine Lieder nicht von Hoffnungslosigkeit oder Resignation zeugen, sondern dass Paul Gerhardt, der auch persönlich mit Tod und Trauer konfrontiert war, seinen Zeitgenoss:innen immer wieder neuen Mut und neue Hoffnung mitgibt. Er fordert sie auf, die Lebensfreude aktiv zu suchen, wiederzuentdecken und zu pflegen:

„Geh aus mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie dir und mir
sich ausgeschmückt haben.“

In all der Not und dem Elend – so beschwört uns Paul Gerhardt – sollen wir den Blick für das Schöne nicht verlieren und stattdessen immer wieder „Freude“ suchen.

Nach vielen wunderschönen Naturbeschreibungen kommt Paul Gerhardt in der mittleren, achten Strophe des gar nicht enden wollenden Liedes mit seinen 15 kunstvoll gegliederten Strophen zu seiner zentralen Botschaft:

„Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.“

Hier schreibt ein Mensch, der Krankheit, Krieg und Tod allgegenwärtig empfunden, der früh seine Eltern und drei seiner vier Kinder verloren hat, bevor sie in die Schule kamen.
Hoffnung ist ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern.

Offenbar ist es nicht das Festhalten an den widrigen Umständen (die eben nicht geleugnet werden) des Lebens, das den Unterschied einer christlichen Perspektive ausmacht, sondern ein zugewandter, empathischer, auf Hoffnung angelegter Blick.

Dieses „Trotzdem“, dieser heiter gesungene „Trotz“, der die Ambivalenzen und Schattenseiten des Lebens zu integrieren vermag und sich dennoch über die Schönheiten der Erde freuen kann und der mit den Möglichkeiten des geheimnisvollen Gottes rechnet.

Die Kunst – so hat es Theodor W. Adorno einmal schön formuliert – bestünde darin, sich von der Dummheit der Dummen nicht dumm machen zu lassen.

Genießen Sie die kostbaren unbeschwerten Augenblicke, die Ihnen in diesen hoffentlich erholsamen Wochen geschenkt sein sollen.
Ich wünsche ich Ihnen eine gesegnete Sommerzeit!

Ihr
Ulrich Lilie