„Können Sie mir ein Bleiberecht besorgen?“

Amir lebt seit sechs Monaten in dieser besonderen Wohngemeinschaft mitten in Nürnberg. Nabil ist  seit gut einem Jahr hier. Die beiden anderen Jugendlichen sind fast zeitgleich vor eineinhalb Jahren eingezogen.

Eine Ehrenamtliche gibt einem Mädchen Nachhilfe © Kathrin Harms & Esteve Franquesa © Kathrin Harms & Esteve Franquesa
Eine Ehrenamtliche gibt einem Mädchen Nachhilfe © Kathrin Harms & Esteve Franquesa

Amir ist siebzehn Jahre alt und hat eine fünfmonatige Irrfahrt hinter sich. Er ist der Einzige aus seiner Familie, dem die Flucht aus Syrien gelungen ist. „Es war schrecklich,“  sagt er. Von seiner Familie hat er seit Monaten keine Nachricht. Er möchte über seine Erfahrungen nicht weiter sprechen.

Nabil ist gerade achtzehn Jahre geworden. Er hat im Alter von siebzehn Jahren eine lange Flucht aus Pakistan hinter sich gebracht. „Ich bin froh, dass ich hier bin. Endlich Sicherheit und die Leute hier sind sehr nett. Sagen Sie das bitte.“

Navid und Karim sind aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Sie sind inzwischen achtzehn und neunzehn Jahre alt. Auch sie haben keinen Kontakt zu ihren Familien. Das sei zu gefährlich für die Zuhausegebliebenen.

Alle vier jungen Flüchtlinge leben in Nürnberg in einer Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und werden hier auf dem Weg in die Verselbständigung begleitet.  Alle vier haben vor über einem Jahr einen Antrag auf Asyl gestellt, alle vier wissen noch nicht, ob ihm entsprochen wird.

Sie sprechen inzwischen gut Deutsch, unsere Unterhaltung ist lebhaft. Sie erzählen von ihren langen quälenden Monaten in der Erstaufnahmestelle, in der die Tage lang und die Ungewissheit groß war. „Kein Unterricht in Deutsch, keine Ahnung, wie es weitergeht.“ Wochenlang. Monatelang. Nach all dem, was sie hinter sich haben. Erst mit der Aufnahme in die Clearingstelle wurde es besser. Hier begann der Deutschkurs und nach weiteren drei Monaten stand schließlich fest, dass sie hier nach Nürnberg ziehen würden. Hier hat jeder sein eigenes Zimmer, gekocht wird zusammen mit den Betreuern, die bei Fragen und notwendigen Behördengänge begleiten oder beraten. „Endlich ein sicherer Ort! Es ist gut hier.“

Träger dieser Wohngemeinschaft ist die Rummelsberger Diakonie, die sich in Bayern seit Jahren in besonderer Weise für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge engagiert. „Wir wollen diese jungen Menschen, die alle furchtbare Erfahrungen hinter sich haben, für ein gelingendes Leben in Deutschland vorbereiten, wir wollen ihnen dafür einen sicheren Ort bieten“, sagt Lisa Schroeder, die den Arbeitsbereich mit Flüchtlingen leitet. Bei aller Unterstützung haben alle Bewohner dieser WG auch die üblichen Pflichten: Spülen, aufräumen, putzen werden hier zusammen erledigt. Nabil findet das gut so. Denn in den nächsten Wochen möchte er in eine eigene Wohnung ziehen. „Das ist schwer hier in Nürnberg. Bezahlbare Wohnungen sind schwierig zu finden und wenn Du sagst, dass Du aus Pakistan kommst und Flüchtling bist, ist es noch schwerer. Die Leute glauben, dass wir nur Party machen wollen, aber die sollten mal hierhin kommen! Da sehen sie, wie es hier zugeht.“

Nabil Amin, Navil und Karim sind in der Schule unter den Besten. Nabil möchte Automechaniker lernen. Amir sieht seine Zukunft im IT-Bereich. Alle sagen sie, dass sie nur eine Chance für sich sehen: nach vorne gucken und selbst für eine bessere Zukunft sorgen. Sie hoffen, dass es ihren Familien gut geht und das sie bald wieder etwas von ihnen hören. Hoffentlich nichts Schlimmes.

Auf meine abschließende Frage, ob es etwas gäbe, was ich für Sie tun könnte, antwortet der  trotz aller traumatischer Erfahrungen wunderbar fröhliche Nabil ohne Zögern: „Können Sie mir ein Bleiberecht besorgen?“

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