Das Leiden bedenken

„Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken“, so beginnt ein bekanntes evangelisches Passionslied. Wir stehen am Beginn der Karwoche; wieder werden Menschen in vielen Formen und an vielen Orten das Leiden und das Sterben des Herrn der Kirche bedenken.

Seit dem Aschermittwoch fasten einige meiner Freundinnen und Freunde, andere haben sich ein inneres Ziel gesetzt, wollen sich mehr Zeit für sich, für andere oder ihren Glauben nehmen.

Mich berührt der leidende und sterbende Christus in der Passionszeit in jedem Jahr, weil sich Gott in ihm so berührbar zeigt: für das unsägliche Leid von Kindern, von Unschuldigen, von Frauen und von Männern mit einer abweichenden Überzeugung, die deswegen Verfolgung, Willkür und Terror erleiden müssen. Für das Leid der Alten und der Jungen unter uns, der Schwachgewordenen und der Enttäuschten, der Sterbenden und der Kranken.

„Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken.“ Es ist ein Segen, dass wir eine Zeit im Kirchenjahr kennen, in der das Leiden in allen seinen menschlichen Erscheinungsformen einen Platz hat. Auch das Leiden der Kreatur. Uns ist eine kostbare Zeit geschenkt, in der dies alles ansprechbar und besprechbar ist. Allein das ist eine Wohltat des Himmels.

„Herr, stärke mich dein Leiden zu bedenken.“ Das bedeutet für mich, mit Christus dieser manchmal überwältigenden Macht des Leides standzuhalten und mit ihm im Namen Gottes etwas Sinnvolles, Tröstendes und Heilendes daneben, wenn es Sinn macht, auch dagegen zu stellen. Darum sind Menschen der Evangelischen Katastrophenhilfe an vielen Orten dieser Welt im Einsatz, darum arbeitet Brot für die Welt gegen Mangelernährung und Hunger, darum pflegen und begleiteten Frauen und Männer in diakonischen Einrichtungen tagtäglich Kranke und Sterbende. Sie sagen manchmal nur: „Ich möchte etwas Sinnvolles tun.“ Und werden zum Segen für Andere. Darum setzen sich viele Politikerinnen und Politiker mit hohem Einsatz jeden Tag für Menschenrechte und gerechtere Verhältnisse ein. Darum arbeiteten viele in der Kirche und in der Diakonie – trotz mancher Widrigkeiten – engagiert und oft ohne das Rampenlicht der Öffentlichkeit zu suchen.

„Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken“, Menschen, die sich auf den sich erbarmenden und leidenden Gott einlassen und ihn und seine Wege bedenken, taugen nicht als Apparatschiks. Sie bleiben selbst berührbar, sie empören sich über Unrecht und weinen mit den Traurigen und Leidgeprüften. Sie sind das zivilisierte und menschenfreundliche Gesicht des christlichen Glaubens in einem bunter und säkularer werdenden Land.

„Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken.“ Wir bedenken in diesen Tagen auch das Leiden Gottes an dieser Welt. Sein Leiden an der Uneinsichtigkeit und Unberührbarkeit der Hartleibigen, der menschengemachten Grausamkeiten und deren schreckliche Folgen.

Ich habe in diesen Tagen einen Ostergruß mit einem Gedicht von Rudolf Otto Wiemer erhalten, eine Osterkarte, die das Bedenken des Leidens des Mannes am Kreuz und die verwegene Botschaft von seiner Auferstehung zusammenbringt:

„Keins seiner Worte
glaubte ich, hätte er nicht
geschrien: Gott, warum
hast du mich verlassen?
Das ist mein Wort, das Wort,
des untersten Menschen.  
Und weil er selber
so weit unten war, ein
Mensch, der „Warum“ schreit und
schreit „Verlassen“, deshalb könnte man
auch die anderen Worte,
die von weiter oben,
vielleicht ihm glauben.

Rudolf Otto Wiemer, 1978

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Karwoche und ein frohes Osterfest!

Übrigens ein „Schwarzbrot-Lesetipp“ zu Ostern ist der gerade erschienene Grundlagentext des Rates der EKD „Für uns gestorben. Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi“.

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