Netzwerker: Diakonie auf dem Land

„Politik wird doch für die Ballungszentren gemacht, die ländlichen Regionen fallen hinten runter“, das höre ich auf meinen Reisen immer wieder. Deswegen sind mir die Besuche der diakonischen Arbeit vor Ort umso wichtiger. Ich möchte wissen, mit welchen Fragestellungen die Menschen konkret zu tun haben.

Eine Gruppe von Menschen steht für ein Gruppenfoto auf einer Treppe
Tolle Truppe: Dorothea Währisch-Purz (vorne) und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Diakonischen Werk Emsland-Bentheim. Zu Gast Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (zweite von vorne), Superintendent Dr. Bernd Brauer (mit blauer Krawatte) und ich.

Was bedeutet das neue Pflegestärkungsgesetz auf dem Land? Wie wirkt sich der Fachkräftemangel aus? Wie unterscheidet sich diakonische Arbeit im ländlichen Raum von der Arbeit in der Stadt? Das interessiert mich. Dafür möchte ich oft mehr Zeit haben, als mein Terminkalender hergibt. In dieser Woche war ich darum „mal eben“ in Ostfriesland und im Emsland.

Papenburg und Rhauderfehn sind jetzt nicht mehr nur Orte, sie verbinden sich mit Gesichtern und Namen. Zum Beispiel mit Dorothea Währisch-Purz und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Diakonischen Werk Emsland-Bentheim. Die engagierte Geschäftsführerin erzählt von den Herausforderungen ihrer täglichen Arbeit. Die Probleme beginnen oft schon vor dem Beratungskontakt.

Stichwort Anfahrt: Viele Klientinnen und Klienten sind lange unterwegs, um etwa eine Beratungsstelle zu erreichen. Nicht jeder hat ein Auto, was in einer Umgebung, in der öffentlicher Personennahverkehr oft zu Wünschen übrig lässt, eine echte Hürde ist; oder hohe Fahrtkosten verursacht: Diakonie der weiten Wege! Wir brauchen nicht nur Breitband für alle, High Tech im Ländlichen Raum, sondern mindestens ebenso „High Touch“, Besuche und Begegnung.

Stichwort Soziale Kontrolle: Ein alkoholkranker Mann kann in einer Stadt wie Berlin anonym eine Beratungsstelle aufsuchen – auf dem Land, wo sich jeder kennt, ist das sehr viel schwieriger. Wie oft hindert die Scham vor den Nachbarn Menschen daran, Hilfe zu suchen.

Netzwerken hilft

Die Kolleginnen und Kollegen aus dem Emsland leisten großartige Arbeit. Und sie tun das nicht alleine, sie haben Partner. Das Thema Sucht im Alter etwa wird gemeinsam mit der Kirche angegangen: Denn viele ältere Menschen würden zwar nicht zu einer Suchtberatungsstelle gehen, sind aber in der Gemeinde vernetzt. Von dieser lebendigen Nachbarschaft und der eingespielten Zusammenarbeit von Caritas, Diakonie, Kirche und Kommune profitieren alle Beteiligten. Wo solche Netzwerke geknüpft werden, hat die soziale Arbeit der evangelischen Kirche bessere Chancen. Das gilt in besonderem Maß auf dem Land, aber auch in der Stadt.

Ein anderes Thema ist der Fachkräftemangel. Wie gewinnt man Männer und Frauen für soziale Arbeit zwischen Wiesen, Weiden und Weite, Gehöften, Dörfern und Kleinstädten – ohne urbane Ballungszentren in der Nähe? Hier wünschen sich die Kolleginnen deutlich mehr Unterstützung. Eine Idee: Könnten die Fachschulen in den Ballungszentren nicht gezielter mit Einrichtungen im ländlichen Raum kooperieren?

Drei Frauen sitzen an einem Tisch. Eine Frau steht daneben.
Haben viel zu lachen – die Wohngruppe für Demenzerkrankte im Reilstift.

Die nächste Station: Westrhauderfehn, das Seniorenzentrum Reilstift e.V., zwei Standorte, 300 Mitarbeitende und immer offene Stellen. Ich erfahre: Für den ganzen Landkreis Leer gibt es genau einen Neurologen. Viel zu wenig. Seit 2014 gibt es im Reilstift einen besonderen Wohnbereich für Demenzerkrankte. In den hell und einladend, wie eine Wohnküche gestalteten Räumen können die dementen Männer und Frauen, deren Zeitgefühl aus dem Takt ist, auch nachts ins Café gehen. – Angebote wie diese sind Inseln der professionellen Sorge. Wir müssen Wege finden, sie zu sichern und zu auszuweiten.

Mein Tagesausflug mündet in ein politisches Gespräch auf dem „Schwarzen Sofa“ mit der Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann und ihren Gästen. Tief in der Nacht sind  wir wieder in Berlin, mein nächster Termin wird morgens um 9 Uhr sein.

Auf dem schwarzen Sofa: Im Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann

Hat sich das jetzt gelohnt?

Selbstverständlich! Ich habe ja lange Jahre selber in Diakonischen

Einrichtungen und Gemeinde gearbeitet und bilde mir ein, eine Menge vom Kerngeschäft der Diakonie zu verstehen. Aber seit 2014, seit ich Präsident bin, muss mich viel anderes beschäftigen, sitze ich oft am Schreibtisch, in Konferenzen, rede mit Entscheidern und Multiplikatoren. Auch das ist mein Job. Ich mache ihn gern.

Reisen bildet Meinung

Aber solche Reisen wie die nach Ostfriesland bleiben unverzichtbar. Sie verbinden mich mit den Menschen, deren Interessen ich zu vertreten habe. Da geht es mir vermutlich eine wenig wie den Männern und Frauen im Bundestag oder in Regierungsverantwortung, mit denen ich ja auch im Gespräch bin. Begegnungen wie die in Papenburg helfen mir, so hoffe ich, meine Arbeit besser zu tun. Sie tragen dazu bei, dass die Erfahrungen aus der Arbeit unserer Mitarbeitenden vor Ort in die Gesetzgebungsprozesse Eingang finden.

Konkret: Ich kann mich auf Bundesebene noch leidenschaftlicher und überzeugter für eine generalistische Pflegeausbildung einsetzen, wenn ich an die Kolleginnen und Kollegen im Reilstift denke. Es ist wichtig, den Pflegeberuf durch eine kostenfreie, europaweit anschlussfähige und qualifizierende Ausbildung attraktiver zu machen – und damit auch dem Fachkräftemangel zu begegnen. Das ist nur ein Beispiel.

Übrigens: Auch die lange Rückfahrt durch die Nacht war wichtig. Sie unterlegt das Wissen, wie unterschiedlich die Teile unseres Landes sind und wie weit entfernt die Probleme der einen Region von der einer anderen sind, mit der tatsächlichen Erfahrung von Entfernung. In unserem reichen Land liegen mitunter Welten zwischen den Regionen. Und unterschiedliche Regionen brauchen unterschiedliche Modelle – auch in der Sozialpolitik. Das nicht zu vergessen, ist wichtig – für alle, die von Berlin aus im Interesse Deutschlands arbeiten wollen.

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