Zeiten des Populismus?

In dieser Woche: Jahresempfang der Hoffnungsorte Hamburg. Hinter dem ansprechenden Namen steht ein Netzwerk sozialer und spiritueller Angebote im ganzen Stadtgebiet, getragen von der Stadtmission: Von Wohnungslosenhilfe bis zur Migrantenmedizin, vom Frauenhaus bis zum Kirchencafé, von der Bahnhofsmission bis zur Mieterberatung, vom Wohnprojekt für psychisch Kranke bis zum Raum der Stille und und und. Die Wurzeln der Hoffnungsorte reichen bis in Jahr 1848 zurück.

Ein Mann steht an einem Podium
Ein schöner Abend bei den Hoffnungsorten in Hamburg

Damals gründete Johann Hinrich Wichern in Hamburg den Verein für Innere Mission, der seit damals Träger der Stadtmission ist. Die Hoffnungsorte inspirieren – so fruchtbar können Diakonie, Kirche und Stadt zusammenarbeiten: „Die Solidarität mit den Bedürftigen, egal ob arm oder reich, alt oder jung, Christ oder nicht“, prägt seit Wicherns Zeiten die Hoffnungsorte.“

Ich durfte dort eine Ansprache halten. Mein Thema: „Verlässlichkeit für Verlassene – Diakonische Herausforderung in Zeiten eines zunehmenden Populismus“. Wenn Sie möchten, können Sie sie hier nachlesen. Vielleicht teilen Sie sie sogar, das würde mich freuen. Das Thema geht ja uns alle an – nicht nur die Hanseaten. Ich habe mich natürlich immer wieder vom Text gelöst, aber das hier stand in meinem Manuskript:

Verlässlichkeit für Verlassene. Diakonische Herausforderungen in Zeiten eines zunehmenden Populismus

Sehr geehrte Frau Professorin Gabriele Schmidt-Lauber, sehr geehrter Herr Hermannes, lieber Herr Blaschke, verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

Vorbemerkung: Herrn K. zuhören

der Deutschlandfunk bietet seit wenigen Wochen ein neues Format. „Hörerwelten“ heißt es und ist eine Reaktion des Senders auf Unzufriedenheiten mit der Berichterstattung. Die Idee: Themenvorschläge der Hörerinnen und Hörer werden systematischer geprüft, sie werden von Korrespondenten recherchiert und ins Programm aufgenommen. Der erste Beitrag – auch auf der DLF-Website und als Podcast zu finden – widmete sich einem Rentner aus Hamburg-Nienstedten, der über seine Angst vor Islamismus und Überfremdung spricht. Er sei weder Rassist noch Nationalist, doch nach persönlichen Erfahrungen im familiären Umfeld und im Ehrenamt fühle er ein starkes Unbehagen. Nur unter Pseudonym spricht „Trudbert Kreth“ offen über seine Ängste – und sein Interesse an der AFD. Ein Verlassener, Trudbert Kreth allein Zuhaus‘ in Zeiten des Populismus?

Die Verlassenen, mit denen Sie bei den Hoffnungsorten arbeiten, wohnen nicht in den wohlhabenden Gegenden Hamburgs, sie wohnen oft gar nicht. Diese Verlassenen stehen im Zentrum, Ihrer, unserer Aufmerksamkeit in der Diakonie. Sie zählen auf unsere Unterstützung.

Der Beitrag im DLF zeigt jedoch: Auch die Verlassenen in den wohlhabenden Gegenden Hamburgs brauchen Unterstützung. Auch ihre Angst bleibt nicht ohne Folgen. Herr K. und seine Freundinnen und Freunde gehen wählen, sie nehmen Einfluss auf die Gesellschaft, in der Sie, wir alle unsere Arbeit tun. Es kann uns also nicht gleichgültig sein, was sie denken und empfinden. Es wäre sogar grundfalsch, Herrn K. zu ignorieren – oder mit den Pöblern und Hetzern oder den „Merkel muss weg“-Pegidisten in einem Atemzug zu nennen. Herr K. hat Sorgen. Meine erste These lautet: Sie sind ernst zu nehmen.

Das Thema, das mir für heute Abend aufgegeben ist, lautet:

„Verlässlichkeit für Verlassene. Diakonische Herausforderungen in Zeiten eines zunehmenden Populismus“.

Zeiten des Populismus

Leben wir in Zeiten des Populismus, meine Damen und Herren? Ich möchte das verneinen. Oder besser: präzisieren. Denn eine pauschale Etikettierung hilft schlicht nicht weiter. „Ismen“ behindern die Klarheit auch unserer Wahrnehmung und des Denkens. Eine dialogische Haltung der (Nächsten-)Liebe ist mit „Ismen“ nicht zu leben. Das will und das kann die Diakonie sich nicht leisten. Der Vorwurf des Populismus – oft einseitig und pauschal erhoben –  beendet eine Begegnung bereits, bevor sie angefangen hat. Der als Populist angegriffene geht in den Verteidigungsmodus – und wer sich verteidigt, kommt selten wirklich ins Gespräch. Das halte ich für ähnlich gefährlich wie eine an Meinungsumfragen ausgerichtete Politik, die mit scheinbar einfachen Lösungen die Gunst der Bevölkerung zu gewinnen versucht. Scheinbar einfache Lösungen lösen nachhaltig eben gar nichts: Wer eine Mauer baut, ob gegen Armutsmigration oder gegen den Kapitalismus – wird scheitern. Wer mit Fußfesseln fundamentalistische Gewalt bekämpfen möchte, um Deutschland sicherer zu machen, und gleichzeitig junge Männer monatelange in Flüchtlingsunterkünfte zur Passivität zwingt und so ihr gelingendes Ankommen bei uns verhindert, wird sich wundern. Wer Bundesausreisezentren zur schnelleren Abwicklung von Abschiebungen plant, ohne schnell genug individuellen Wohnraum für zügige Eingliederung zu ermöglichen, schafft keinesfalls mehr Sicherheit. Zu einfache Lösungsvorschläge, scheinbar zupackender Pragmatismus führen langfristig zu gar nichts. Kurz: Populismus hilft nicht weiter.

Es hilft auch nichts, den Begriff neu besetzen zu wollen, wie der Schauspieler Til Schweiger jüngst versucht hat. ‚Nicht alles, was populär sei, sei schlecht‘, hat er gemeint. Man kann über diese Verwechslung von Popularität und Populismus trefflich spotten – aber man kann auch ernst nehmen, dass Herr Schweiger darauf aufmerksam machen wollte, dass Massengeschmack nicht verwerflich zu sein braucht. Und damit hat er Recht. Und wenn „Massen“ sich mit ihren Problemen und Fragestellungen nicht wahrgenommen fühlen, ist das ein massives Problem.

Trotzdem: Wenn es nach mir ginge, würde der Begriff „Populismus“ oder auch das Adjektiv „populistisch“ eine Weile aus unserem Sprachgebrauch verbannt. Statt uns gegenseitig Populismus vorzuwerfen, sollten wir beginnen, einander besser zuzuhören.

Am Anfang jeder Verständigung, liebe Damen und Herren, steht das Zuhören. Immer. Das wissen Sie bei den Hoffnungsorten aus der Beratungsarbeit; das wissen die Frauen und Männer unter Ihnen, die in politischer Verantwortung stehen; das wissen wir alle aus unseren Familien und Freundeskreisen: Wer nicht zuhört, kann nicht antworten, erst recht nicht wirksam helfen.

Jede Lebensgeschichte – hat ein Recht gehört zu werden. Die Geschichte von Herrn K. aus Nienstedten, wie die Geschichten der Männer und Frauen mit der fremden Sprache und Religion, vor denen besagter Herr K. sich zu fürchten beginnt. Die Geschichte der obdachlosen Frau in St. Georg und die des Mannes aus dem Kosovo in Wilhelmsburg. Die Geschichte der Deutschlehrerin in der Integrationsklasse und die des unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings, der Deutsch zu lernen versucht. Jeder Sozialarbeiter, jede Referentin, jeder Mensch, Mann und Frau, Kind und Kegel hat das Recht, mit seiner Geschichte in unserer Offenen Gesellschaft vorzukommen, an ihr teilzuhaben, sie mitzugestalten. Das ist Integration – teilhaben und mitgestalten.

Leben wir in Zeiten des Populismus? Nein. Wir leben in Zeiten, in denen das Zuhören und das Verständlichmachen an Wichtigkeit wieder neu gewinnen muss, damit die falschen Vereinfacher an Einfluss verlieren – egal, ob sie muslimisch, christlich, humanistisch oder gar nicht glauben.

Wer sind die Verlassenen?

Die Verlassenen sind Menschen, die nicht vorkommen, denen man nicht zuhört, die sich mit ihren Gaben und Grenzen nicht einbringen können in unsere so reiche und offene Gesellschaft. Oder die zumindest das G e fü h l haben, sich nicht einbringen zu können und nicht gehört zu werden. Und die es dann auch nicht mehr wollen. Menschen, die nicht integriert sind und keine Zukunft sehen – das sind die Verlassenen.

Menschen, die zu schwach, zu alt, zu krank, zu machtlos und/oder zu mutlos sind, um sich Gehör zu verschaffen. Manche sitzen am Straßenrand, andere verkommen in ihrer Wohnung, einige gehen auf den Strich, manche nehmen Drogen, viele trinken mehr als gut für sie ist. Viele erziehen Kinder, die sie lieben, und denen sie doch kaum gerecht werden. Es gibt Eltern, die sprechen zwar mehrere Sprachen fließend – aber kein Deutsch. Manche haben keine Papiere. Die einen sind minderjährig, die anderen alt. Viele fühlen sich alleingelassen. Sehr viele.

Es gibt Menschen mit und ohne Schulabschluss, Berufsausbildung, Studium. Mit zu viel, zu wenig oder gar keiner bezahlten Arbeit.

Es gibt die mit den zerbrochenen Träumen und den unverarbeiteten Traumata – Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Es gibt den Mann, der alles verloren hat; den Jugendlichen, der glaubt, dass er schon jetzt nichts mehr zu verlieren hat, und die Frau, die sich davor fürchtet, zu den Verlierern zu gehören.

Manche von ihnen sind zornig, manche traurig, manche gleichgültig, viele depressiv. Verlassenheit hat viele Gestalten, viele Gesichter.

Sie, liebe haupt- und ehrenamtliche Kolleginnen bei den Hoffnungsorten, kennen Sie alle, diese Nicht-integrierten, Verlassenen. Und Sie wissen, wie müde man werden kann, wie anstrengend es sein kann, sich gegen ihre Hoffnungslosigkeit zu stemmen, wie aufreibend es ist, die Verlassenen in ihrer Verlassenheit aufzusuchen und aus ihrer Verlassenheit hinaus zu begleiten. Und wie wunderbar und erfüllend.

Danke für Ihr Engagement, für Ihre alltägliche Arbeit.

Diakonieleute auf der Management- und Politikebene arbeiten an anderer Stelle für die Verlassenen. Für die Integration derer, die keine Zukunft sehen. Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind nahe an den konkreten Menschen. Leute wie ich arbeiten mit unseren Fachleuten und Kommunikationsteams an der Veränderung der Strukturen, der Bedingungen. Denn die Verlassenheit, die unter dem Dach der Diakonie zum Thema wird, ist ja kein Privatproblem einzelner Verlorener. Verlassenheit kann und muss, immer wieder neu, immer wieder anders überwunden werden. Und dazu braucht es neben den Menschen, die sich anderen Menschen zuwenden, Strukturen, Gesetze, Finanzierung, Know How und vieles mehr. Verlässlichkeit braucht Organisation, verlässliche Rahmenbedingungen, verlässliche Gesetze und eine verlässliche Finanzierung. Und damit sind wir mitten im politischen Geschäft.

Was schafft Verlässlichkeit?

Wenn Organisation von Verlässlichkeit gut funktioniert – wie zum Beispiel bei unseren Nachbarn in Dänemark, verändert sich das soziale Klima in einem Land. Das kann man sogar messen. Im für die Vereinten Nationen erstellten Weltglücksbericht von 2016 belegt Dänemark unter rund 160 Ländern den 1. Platz. (Deutschland ist auf Platz 16). Der Bericht verbindet z.B. Länderdaten mit Befragungen über die Selbstwahrnehmung ihrer Bewohner. Er berücksichtigt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, die durchschnittliche Lebenserwartung, die gefühlte Unterstützung aus dem eigenen sozialen Umfeld oder das Vertrauen in Regierung und Unternehmen mit Blick auf Korruption. Es geht auch um die von den Befragten empfundene Freiheit, grundlegende Entscheidungen für das eigene Leben treffen zu können sowie die Großzügigkeit der Befragten mit Blick auf Spenden. Auch negative Faktoren wie Sorgen, Trauer und Wut spielen eine Rolle.

Nun kann man zu Rankings stehen wie man will. Doch wenn sich dieser 1. Platz mit dem Ergebnis der dänischen Version der Leitkulturdebatte verbindet, wird es interessant: In einem langwierigen Abstimmungsverfahren, an dem sich die Bevölkerung beteiligen konnte, wurden 10 „Charakteristika“ benannt, die als „dänische“ Top-Werte begriffen werden: Auf Platz eins steht „Wohlfahrtsgesellschaft“, dann folgen „Freiheit“, „Vertrauen“ und die „Gleichheit vor dem Gesetz“. Zwischen den „glücklichen Dänen“ und dem weit-gespannten sozialen Netz und der Wertschätzung ihres Wohlfahrtsstaates besteht ein direkter Zusammenhang. Andersherum: Die Angst vor sozialem Abstieg, soziale oder regionale Ungleichheit, die sozial- und strukturpolitisch nicht aufgefangen werden kann, bedroht den Zusammenhalt der Gesellschaft stärker, als das Nebeneinander von unterschiedlichen Werten oder Religionen. Diese Ungleichheit ist unser größtes Problem, und ich halte es für unverzichtbar, dass wir in der Diakonie nicht aufhören, darauf hinzuweisen, dass soziale Ungleichheit und mangelnde Teilhabe der eigentlich Sprengstoff in unserer Gesellschaft sind – viel weniger die kulturelle Verschiedenheit.

Diakonische Herausforderungen: Dienen und dazwischen gehen

Diakonie ist Dienst am Menschen auf der Basis der christlichen Nächstenliebe. In der Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Gründerpersönlichkeiten der modernen Diakonie diese biblische Einsicht in Deutschland zum Ausgangspunkt einer großen sozialen Bewegung aus Glauben gemacht. Hier in Hamburg steht die Wiege der Diakonie.

Doch im alten Wort Diakonie steckt noch mehr als das Dienen. Es ist Zeit, das selbstbewusster zu betonen: Diakonie heißt Dienen und dazwischen gehen. Das will ich erläutern: Schon in den 1990er Jahren hat der australische Theologe John N. Collins gezeigt, dass es fast zutreffender sei, Diakonie mit „Verbindung“ oder „Vermittlung“ zu übersetzen. Die altgriechische Wortwurzel „Diak“ habe mit dem Verb „darauf losgehen“ zu tun. Menschen, die sich der Diakonie verpflichten, sind nicht einfach nur wohltätige Diener. Sie sind Kuriere, Verbinder, Abgeordnete, Begegnungen-möglich-Macher, Brückenbauer. Ihre Verortung liegt im Dazwischen. Das diakonische Dazwischen-Gehen, das Eintreten für das Recht des Menschen gewinnt auch Gestalt in der humanen Gestaltung der Lebensverhältnisse, der gesellschaftlichen Strukturen: Liebe und Gerechtigkeit müssen auch in und durch Strukturen wirksam werden, nicht nur in der direkten Begegnung zwischen Menschen. Christen sind deshalb herausgefordert, in der Gemeinde wie im Gemeinwesen im Sinne einer öffentlichen Diakonie für eine solidarische Gesellschaft einzutreten und zu dieser beizutragen. Auch die Lobbyarbeit, das Streiten für bessere Gesetze, der konstruktiv – kritische Dialog mit Politik, Wirtschaft und Kultur gehören zum Dazwischen-Gehen dazu. Die Diakonie und eine diakonische Kirche gehen dazwischen – im Namen der Menschenfreundlichkeit Gottes – wie Sie in den Hoffnungsorten Hamburgs das tun. Und in diesen notwendigen öffentlichen Debatten mit den Menschen und für die Menschen, liebe Damen und Herren, geht es immer auch um Zahlen, um Pflegeschlüssel, um Gruppengrößen, um Vergütungsstrukturen und Mindesteinkommen – also um Fakten!

Um die zu verstehen, braucht es Verstand und Professionalität, Fakten, ja; um die Menschen aber zu erreichen und zu überzeugen, dafür braucht es ein Herz und überzeugende emotionale Bilder vom besseren Leben, von Hoffnung und Glauben. In diesen Zeiten besetzen viel zu oft die schrecklichen Vereinfacher die Gefühle vieler Menschen. Manche hetzen, manche arbeiten gezielt mit Bildern der Angst. Und das zeigt Wirkung. Aber wir dürfen ihnen das Feld nicht überlassen! Wir verfügen über starke Bilder der Hoffnung und überzeugende Konzepte für die Gesellschaft: Öffentliche Diakonie ist streitbare Diakonie im öffentlichen Raum, im demokratischen Diskurs und Ringen um besseres Leben und gelingende Teilhabe für alle Menschen. Denn „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde.“

Ich halte es für geboten, unser diakonisches Selbstbild entsprechend zu erweitern, debattenfähiger, öffentlicher und bündnisfähiger zu werden, auch weil wir in unserer offenen Gesellschaft der Verschiedenen, die multireligiöser und säkularer zugleich wird, nach Partnern suchen müssen, mit denen wir unser Menschenbild und unsere Konzepte von Teilhabe und Selbstwirksamkeit wirkungsvoll in die politischen Gestaltungsprozesse einbringen können. In eine Formel gegossen heißt das: Diakonie will ein Teil der Lösung sein. Diakonie ist Diakonie mit Anderen ist: Diakonie. Mit Dir.

Schluss:

„Verlässlichkeit für Verlassene. Diakonische Herausforderungen in Zeiten des Populismus:“ Wie gesagt: Als Diakonie brauchen wir uns an wohlfeilen Debatten und Talkshows über Populismus nicht zu beteiligen. Zuschreibungen dieser Art, diese Form des Sprechens über statt mit den Menschen erhöhen die Mauern zwischen Menschen – daran sollte sich Diakonie nicht beteiligen. Wir sind Brückenbauer, Dazwischen-Geher, Vermittler, Zuhörer. Das ist der menschenfreundliche und streitbare Stil, den wir pflegen wollen und den wir miteinander einzuüben haben. Immer wieder neu. Und natürlich ist das viel mehr als eine Stilfrage. Es geht um das Menschenbild, das uns leitet und die Haltung, die sich daraus ableitet: „Verlässlichkeit für Verlassene“.

Noch ein Gedanke zum Thema Vertrauen: Mich erfüllt mit großer Sorge, wie das Vertrauen in die Demokratie erodiert. Bzw. wie das Misstrauen gegenüber „denen da oben“ auf das politische System wie auf die Wohlfahrtspflege übertragen wird. Alle korrupt. Klingt markig und ist natürlich falsch. Und trotzdem: Ich kann sogar nachvollziehen, warum Menschen misstrauisch werden, zweifeln an der Kompetenz der Beteiligten“. Ich kann sogar die Wut verstehen. Ein Beispiel. Unser aller Großbaustellen. Ihre Elbphilharmonie – Glückwunsch, sie ist fertig!– der Großflughafen in Berlin aber… Dass Menschen angesichts solch desaströser Fehlkalkulationen und der Art wie mit Fehlern umgegangen wird, das Vertrauen verlieren, ist es so abwegig?

Ich bin überzeugt, dass wir in Diakonie und Kirche einen weltanschaulichen Schatz hüten, von dem unsere Gesellschaft immens profitiert. Die biblisch begründete Selbstverpflichtung, auf der Seite der Schwächsten zu stehen, ja, ihren Schutz rechtlich und redlich abzusichern, birgt das Geheimnis eines starken, vielfältigen Gemeinwesens. Dafür wollen wir nicht aufhören zu werben und zu streiten. Diese Option für die Armen und Schwachen ist aber kein Alleinstellungsmerkmal der Kirche mehr. Sie hat sich säkularisiert. Das heißt: Wir finden Bundesgenossinnen und Weggefährten bei unserem Gesellschaftsdienst in nahezu allen gesellschaftlichen Segmenten. Das heißt auch: Wir haben Partner in der Gesellschaft, mit denen wir zusammenarbeiten können und sollten. In den Kirchen, aber auch in der Zivilgesellschaft, zu der wir gehören. – Ich wünsche Ihnen dazu Entdecker – Mut, Fantasie und Gottes inspirierenden Geist.

Diakonie steht für den Geist der Nächstenliebe, für Anwaltschaft und Beteiligung der vermeintlich Schwachen, unabhängig davon, was sie glauben oder welche Muttersprache sie sprechen. In diesem Geist wollen wir Mitglieder  und Mitgestalter einer offenen, sozialen und gerechten Gesellschaft sein. Was ich Ihnen in diesem Jahr 2017 besonders als Diakonische Herausforderung  ans Herz legen möchte, ist diese öffentliche Mitgestaltungs-Verantwortung für den Weg, den unsere Gesellschaft zukünftig gehen wird. Welche Gesellschaft, welches Land wollen wir sein? Es lohnt sich darüber zu reden und zu streiten mit den Nachbarn, den Familienmitgliedern oder der Kollegin. Und es lohnt sich, sich dabei den Sichtweisen der anderen auszusetzen, der Hoffnung der geflüchteten Mutter von drei Kindern aus dem Irak genauso wie den Ängsten von Herrn K. Die anstehenden Wahlen werden Weichen stellen. Ob für mehr Verlässlichkeit für die Verlassenen, das haben auch wir in der Hand. Eben nicht nur am Wahltag.

Ich danke Ihnen.

3 Gedanken zu „Zeiten des Populismus?“

  1. Wissen Sie, was mich immer wieder ärgert, sehr geehrter Herr Lilie? Dass solche schönen und harmonischen Äußerungen immer von Damen und Herren kommen, die auf der Sonnenseite im Leben in Deutschland stehen. Sie haben ein Einkommen, welches Ihnen sicherlich ein gutes Leben sichert. Sie haben keine Problem und Sorgen, wie es die kleinen Normalbürger haben. Solche, die dann im Alltag mit den Zugewanderten auf allen Ebenen konkurrieren müssen. Ob um Arbeitsplätze oder Wohnungen. Von evtl. nachbarschaftlichen Missständen, aufgrund der kulturellen Gegebenheiten, ganz zu schweigen. Sie, Herr Lilie, wohnen vermutlich in einer schicken Reihenhaussiedlung – gepflegt und ruhig. Sie, Herr Lilie, können „von oben“ leicht reden! Von oben ist halt immer alles leicht – insbesondere in der Öffentlichkeit. Denn wenn man Sie anschreibt, Ihnen Ungerechtigkeit aufzeigt, Sie gar um Hilfe bittet, dann wird feige geschwiegen und so getan, als wäre nichts.

    Super passend ist aktuell auch das, was man über Frau Käßmann lesen kann. Sie möchte nächstes Jahr in Ruhestand gehen. Mit gerade einmal 60 Jahren. Wenn man finanziell ausgesorgt kann man das machen. Nur dumm, dass der Großteil der Bevölkerung dies nicht hat. Noch besser wird es, wenn man von ihr liest, dass sie ihren Lebensmittelpunkt nach Usedom verlegen möchte. Da sei „Wald, Strand, viel Weite und viel Ruhe!“.

    Das ist ein Leben, oder? Das ist es halt, was gemeint ist: Von oben, also den Damen und Herren, denen es gut geht, hört und liest man oft solche Aussagen. Denn die kennen die Realität nicht. Und gemeint ist die echte Realität, nicht die, die man durch ein paar Gespräche meint erlangen zu können. Nein, das richtige Leben ist gemeint. Jeden Tag unten drin hängen. Sich mit allem, was dazu gehört, herumschlagen. Mit 60 in Ruhestand und dann auch noch schön auf Usedom leben, das ist halt schön! Ein Traum, der für geschätzte 90 Prozent der Bevölkerung unerreichbar ist.

    Leben auf Usedom eigentlich auch Zuwanderer? Oder stören diese dann Frau Käßmann in ihrem herrlichen Naturbild mit Wald, Strand, viel Weite und der vielen Ruhe?

    Es ist halt immer dieses „Wasser predigen, aber selber Wein trinken“.

    1. Sehr geehrter Herr Müller,
      danke, dass Sie mich daran erinnern, wie gut es meiner Familie und mir geht. Ich halte das nicht für selbstverständlich. Ja, ich, wir gehören zum bürgerlichen Milieu. Das kritisieren Sie und unterstellen mir davon ausgehend Weltfremdheit. Das entspricht nicht meinem Selbstbild, und ich hoffe auch nicht meinem Verhalten. Aber bestimmt mache ich Fehler. Was ich versuche: Mich als evangelischer Christ für eine Gesellschaft einzusetzen, in der die soziale Schere möglichst wenig auseinander strebt, in der jede und jeder Raum und Mittel haben, um sich mit ihren Gaben und Grenzen entfalten und einbringen zu können. Deswegen stecke ich sehr viel von meiner Kraft und meinen Fähigkeiten in die Arbeit bei der Diakonie. Das kann und möchte ich weiterhin tun, als „bürgerlicher“ Mensch.
      Vielleicht haben wir ja dieses Ziel gemeinsam? Das könnte ein Anfang für ein konstruktives Miteinander sein.
      Viele Grüße, Ulrich Lilie

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