Nachtasyl – Nochlezhka

„Nachtasyl“ heißt das bekannteste und erfolgreichste Theaterstück des russischen Schriftstellers Maxim Gorki. Ort der Handlung dieses Dramas ist ein Elendsquartier im Russland der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es ist zu gleich Gorkis düsterstes und ein schwer verdauliches Drama.

Geöffneter Bus an dem Menschen auf Tee und Essen warten
Mitternachtsbus für obdachlose Menschen

„Nochlezhka“ – zu deutsch „Nachtasyl“ ist auch der Name einer russischen wohltätigen Organisation, die sich seit 1990 für die Rechte und die Verbesserung der Lebensbedingungen von wohnungslosen Menschen in der Russischen Föderation einsetzt. „Nachtasyl – Nochlezhka“ weiterlesen

Neue Perspektiven – Novye Perspektivy

Noch bis Samstag bin ich in Russland unterwegs.  Hier besuche ich unter anderem einige soziale Projekt, wie die NGO „Neue Perspektiven“, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt. Ich möchte gerne einige Eindrücke teilen:

Gregory (Namen geändert) möchte irgendetwas mit Computern machen, wenn er endlich in seiner eigenen Wohnung leben und einem selbstbestimmten Leben nachgehen kann. Und Pjotr will endlich einmal mehr Geld verdienen als das bisschen Taschengeld, das er bisher in der Werkstatt der großen Behinderteneinrichtung für seine Arbeit erhalten hat, in der er wie Gregory und seine beiden Mitbewohner seit ihrem ersten Lebensmonat leben müssen.

Verselbständigungswohngruppe für junge Menschen
Verselbständigungswohngruppe für junge Menschen

Die meisten Säuglinge mit Behinderungen werden den Eltern in Russland bereits unmittelbar nach der Geburt weggenommen, manche schlicht für tot erklärt. „Neue Perspektiven – Novye Perspektivy“ weiterlesen

Unersetzbar: Die Kraft zivilisierter Religion

© Fischer Verlag
© Fischer Verlag

Das berühmte Blaue Sofa auf der Frankfurter Buchmesse interessiert mich in diesem Jahr gewissermaßen persönlich. Denn heute am spätnachmittag stellt Harald Welzer dort unser Debattenbuch „Die offene Gesellschaft und ihre Freunde“ vor.

Der vielstimmige Band dokumentiert Diskussionsbeiträge des Projekts „Offene Gesellschaft“ über das ich im Blog schon mehrfach geschrieben habe – und trägt die Debatte so weiter in die Öffentlichkeit.

Ich freue mich, dass der Verlag dem Buch eine solche Plattform verschafft. Ungewöhnlich für ein Taschenbuch. Aber es geht ja um viel: Um das Land, in dem wir leben wollen. „Unersetzbar: Die Kraft zivilisierter Religion“ weiterlesen

Überschätzt: Gemeinsame Werte

Die kommenden beiden Tage werde ich in Dresden verbringen. Sogar mit Blick auf Elbe und Stadtsilhouette. Die Konferenz Diakonie und Entwicklung (KDE), unsere jährliche Mitgliederversammlung und das höchste Beschlussgremium des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung, tagt dort im Internationalen Congress Center. Die Konferenz – das sind 112 Delegierte, aus den Kirchen, den Landes- und Fachverbänden und Ausschüssen – ist ein kleiner Kosmos für sich. Und eine Christentagung im säkularisierten Sachsen.

© Frank Exß
© Frank Exß

Unser Schwerpunktthema heißt: Integration. Es geht um Geflüchtete, aber auch um andere Menschen mit Migrationshintergrund, und es geht um uns. Es geht vor allem darum, wie sich gesellschaftlicher Zusammenhalt im Einwanderungsland Deutschland in einer globalisierten Welt stärken lässt. Wie lassen sich „Einigkeit und Recht und Freiheit“, die in unserer Nationalhymne erst jüngst in Dresden besungen (und ausgepfiffen) wurden, in unserer vielfältiger und widersprüchlicher werdenden Gesellschaft mit Leben füllen? Welche Rolle können Diakonie und Kirche dabei spielen? „Überschätzt: Gemeinsame Werte“ weiterlesen

Ubuntu – Wir schaffen das nur gemeinsam

Das Personalpronomen „Wir“ ist ebenso einvernehmend wie unpräzise.   Ob „Wir sind Papst!“  – Schlagzeile der Bildzeitung 2005 nach der Wahl des Kardinals Joseph Ratzingers zum Bischof von Rom – oder Angela Merkels  „Wir schaffen das!“  von 2015. „Wir“ suggeriert ein Bild von Geschlossenheit und Einigkeit und vereinnahmt die Leistung eines anderen für eine Gruppe: „Wir sind Weltmeister“ gehört auch in diese Liga. Ich ertappe mich selber immer wieder dabei, ins „wir“ zu rutschen, wenn ich meiner Position mehr Gewicht verleihen möchte.

Dabei reagiere ich selbst auf unzulässige  Verallgemeinerungen in der Regel eher ärgerlich und habe den schönen  Spontispruch im Hinterkopf: „‚Wir sind doch alle Individualisten.‘ – ‚Ich nicht.‘“ „Ubuntu – Wir schaffen das nur gemeinsam“ weiterlesen

Die Armutsspirale durchbrechen

Auf meinen Reisen begegne ich oft Menschen, die Probleme als Herausforderung ansehen, über ihren Bereich hinausdenken und die Grundhaltung haben, gemeinsam schaffen wir das: Heike Binne ist so eine Anpackerin. Ich habe sie gestern kennengelernt: Sie ist Quartiersmanagerin in Bremen Lüssum und betreut unter anderem das „Haus der Zukunft“. Der Stadtteil gilt als sogenannter Problembezirk, fast jedes 3. Kind lebt in Armut. Viele dieser Kinder kommen aus Familien mit Eltern im Hartz-IV Bezug und haben kaum Perspektiven.

Hausaufgabenbetreuung nach dem Mittagessen in der Egestorffgrundschule © Anieke Becker
Hausaufgabenbetreuung nach dem Mittagessen in der Egestorffgrundschule © Anieke Becker

Aber was man schafft, wenn man Kooperationen eingeht, Hilfe leistet und auch welche annimmt, kann man hier wunderbar sehen. Im „Haus der Zukunft“ arbeiten Stadt, Kirche, freie Träger, viele Vereine und die Diakonie Bremen eng mit den Bürgerinnen und Bürgern zusammen. Daraus ist ein menschenfreundlicher und ausstrahlender Ort entstanden mit einer Kindertagesstätte, Sportangeboten, Sprach- und Musikkursen. „Die Armutsspirale durchbrechen“ weiterlesen

Umsorgung – Palliativmedizin in Norwegen

Von Norwegen lernen. Das war im Grunde das Motto der vergangenen drei Tage, die ich mit einer kleinen Delegation aus Vertretern von Diakonie, Gesundheitspolitik und der gesetzlichen Krankenkassen in Bergen verbringen konnte.

In Palliativstation im Haraldsplass Diakonale Sykehus. „Sunniva Sengepost“ heißt soviel wie „Station Sonnenaufgang“
Palliativstation in Norwegen. „Sunniva Sengepost“ heißt soviel wie „Station Sonnenaufgang“

Der erste Termin nach meinem Sommerurlaub: Wir waren unter anderem zu Besuch im Haraldsplass Diakonale Sykehus – einem diakonischen Krankenhaus, das in der Kommune Bergen eine wichtige Rolle spielt, nicht zuletzt in der palliativen Versorgung. „Umsorgung – Palliativmedizin in Norwegen“ weiterlesen

Das Ohr Gottes

Im Haus der Kirche in Düsseldorf, wo ich als Superintendent früher mein Büro hatte, waren die Räume der ökumenischen Telefonseelsorge nur zwei Treppen tiefer. Ein Knotenpunkt des Trostes und der Anteilnahme mitten in der Großstadt. Mehr als einhundert solcher Knotenpunkte gibt es in Deutschland! Sie spannen gemeinsam ein unsichtbares und doch tragfähiges Netz der Hilfe durch unser Land. Die Telekom stellt dafür seit 1997 unentgeltlich die technische Infrastruktur zur Verfügung: Aus allen Netzen kann die Telefonseelsorge kostenlos erreicht werden.

Frau tippt Nachricht an Mobiltelefon
Viele Menschen suchen per Telefon anonym Trost und Anteilnahme © Ifotes

Oft, wenn ich mich nach einem langen Arbeitstag auf den Heimweg machte, begegnete ich im Treppenhaus oder in der Tiefgarage den Ehrenamtlichen, die bald ihre Nachtschicht beginnen würden. Wir grüßten uns beiläufig, vielleicht wechselten wir auch ein paar Worte, aber habe ich ihnen je gesagt, wie sehr mich ihr verlässliches Engagement beeindruckt? „Das Ohr Gottes“ weiterlesen

Reisen bildet

Ein rechteckiger oranger Zettel fällt mir seit Montag immer wieder ins Auge. Er steckt mit anderen Unterlagen in einer der zahlreichen Klarsichthüllen auf meinen Schreibtisch. Nur zwei Worte stehen darauf: „Orientierung stiften“. Es ist nicht meine Handschrift, sondern die eines Kollegen von Brot für die Welt.

Wir haben in einer Kleingruppe miteinander diskutiert. Über das, was wir beide in unserer Arbeit tun möchten: Orientierung stiften. Aber was heißt das eigentlich 2016 für eine soziale Institution der Kirche in einer komplexer werdenden Gesellschaft? – Wir wissen es noch nicht. „Reisen bildet“ weiterlesen

Diakonie in Japan

Bis Ende April besuche ich als Mitglied einer Delegation der EKD unsere Partnerkirchen in Japan, genauer in Tokio und Umgebung. Der Anlass ist eine deutsch-japanische kirchliche Konsultation.

Delegation der EKD und Partnerkirchen in Japan
Delegation der EKD und Partnerkirchen in Japan

In Japan Christ zu sein, heißt, als Minderheit zu leben. Nur 1,5 bis 2 Prozent der Menschen gehören einer christlichen Gemeinde an, und nur etwa 700 000 von ihnen sind Protestanten. „Diakonie in Japan“ weiterlesen